„Zehn Jahre, wenn wir hart arbeiten!“ So schätzt Dr. Ali Al-Faraj die Zeit ein, die Syrien brauchen könnte, um medizinisch das Niveau Deutschlands zu erreichen. Während seiner Fortbildung in der Asklepios Klinik Langen hat er erlebt, wie moderne Medizin auf diesem Niveau aussieht und welche Lücke Syrien noch schließen muss. Al-Faraj und sein Kollege Dr. Nader Schardoub, beide Fachärzte für Orthopädie am Universitätsklinikum Aleppo, sprechen über diese Lücke nicht aus Frustration. Vielmehr beschreiben sie eine Realität, die sich über die Jahre des Krieges entwickelt hat. Während der Krieg die syrischen Ärzt:innen darin geschult hat, schwere Kriegsverletzungen zu behandeln und unter schwierigsten Bedingungen Leben zu retten, geriet die Entwicklung bestimmter moderner Operationstechniken ins Hintertreffen. Dazu gehören unter anderem die Schulterarthroskopie und der Gelenkersatz; auch aufgrund fehlender Ausbildungsmöglichkeiten und medizinischer Ausstattung. Diese Lücke ist der Grund, dass sie jetzt nach Deutschland reisten.
In den Operationssaal
Der Aufenthalt der beiden Ärzte in Deutschland fand im Rahmen eines Projekts für medizinischen Austausch und Fortbildung statt, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt wird. Das Projekt ist Teil der deutschen Unterstützung für den Gesundheitssektor in Syrien nach dem Sturz des früheren Regimes. Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Projekts spielte Dr. Faisal Shahada, Sektionsleiter für Schulter- und Ellenbogenchirurgie an der Asklepios Klinik Langen. Nach dem politischen Umbruch in Syrien brachte er die Idee einer medizinischen Fortbildung auf und wandte sich an die GIZ mit einem Antrag auf Unterstützung. Anschließend wurden über mehrere Monate die Einzelheiten des Projekts und seine praktische Umsetzung ausgearbeitet. Shahada reiste später nach Syrien, um das Projekt vor Ort zu begleiten, sich mit den Ärzt:innen des Universitätsklinikums Aleppo abzustimmen und die für die Ausbildung erforderliche Ausstattung zu organisieren. In Aleppo leitete er eine intensive Schulung, bei der seine Kolleg:innen in modernen Techniken der Schulterarthroskopie ausgebildet wurden. Anschließend kehrte er gemeinsam mit Schardoub und Al-Faraj nach Deutschland zurück, um die Ausbildung zu vertiefen und die Methoden der Schulterchirurgie in deutschen Krankenhäusern aus nächster Nähe kennenzulernen.

Lernen, um weiterzugeben
Während ihres Aufenthalts in Deutschland lernten Schardoub und Al-Faraj moderne Techniken der Schulterarthroskopie und des Gelenkersatzes kennen. Doch nicht nur die chirurgischen Verfahren beeindruckten sie. Sie beobachteten auch eine andere Form der Organisation des medizinischen Arbeitsalltags im Krankenhaus. Dieser beginnt mit morgendlichen Besprechungen, bei denen die Patientenfälle und geplanten Operationen diskutiert werden, und setzt sich im Operationssaal fort, wo Fachärzt:innen und Assistenzärzt:innen gemeinsam im Team arbeiten. Für Al-Faraj sind auch diese Abläufe ein wichtiger Teil der Erfahrung, die syrische Krankenhäuser benötigen. Fortschritt, so seine Einschätzung, hängt nicht allein davon ab, was ein Chirurg mit seinen Händen macht. Entscheidend ist auch das System rund um die Operation, das für eine strukturierte Zusammenarbeit und den Austausch von Wissen sorgt.
„Gib mir nicht den Fisch, sondern lehre mich das Fischen“
Schardoub fasst die Philosophie des Projekts mit einem einfachen Satz zusammen: „Gib mir nicht den Fisch, sondern lehre mich das Fischen.“ Das Ziel war nicht, ausländische Ärzt:innen nach Syrien zu schicken, die dort Operationen durchführen und anschließend wieder abreisen, ohne ihr Wissen an syrische Kolleg:innen weiterzugeben. Vielmehr sollen syrische Ärzt:innen selbst die Fähigkeit erwerben, diese Eingriffe durchzuführen und anschließend weitere Kolleg:innen darin auszubilden. Darauf liegt derzeit ein besonderer Schwerpunkt des Projekts. Nach Angaben von Shahada sieht der Plan auch vor, die Operationen der Ärzt:innen nach ihrer Rückkehr zu begleiten und zu dokumentieren. So soll überprüft werden, ob das während der Schulungen und im Operationssaal vermittelte Wissen tatsächlich in die praktische Arbeit übergeht.
Was bleibt nach der Reise?
Für Schardoub und Al-Faraj endet die Reise nicht mit der Rückkehr nach Aleppo. Der nächste Schritt besteht darin, das Gelernte an weitere Ärzt:innen am Universitätsklinikum Aleppo weiterzugeben und die gewonnenen Erfahrungen anschließend auch auf andere syrische Krankenhäuser auszuweiten. Doch der Weg dorthin ist mit Herausforderungen verbunden. Die beiden Ärzte weisen darauf hin, dass die Verfügbarkeit und die Kosten von Gelenkimplantaten und medizinischem Verbrauchsmaterial für viele Patient:innen weiterhin eine große Hürde darstellen – selbst wenn ausgebildete Fachkräfte und Operationssäle vorhanden sind. Al-Faraj hofft deshalb, dass diese Erfahrung der Beginn einer langfristigen medizinischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Syrien sein wird. Eine Zusammenarbeit, die sich nicht auf einen einzelnen Besuch oder eine einzelne Operationstechnik beschränkt, sondern auf einen nachhaltigen Austausch von Wissen und Erfahrungen setzt.
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