Bestickte Stoffe, traditionelle Muster und persönliche Erinnerungsstücke: Die Berliner Ausstellung „Verbindende Fäden“ erzählt von afghanischer Stickkunst, Migration und der Suche nach kultureller Identität. Für Menschen aus der afghanischen Diaspora werden die Textilien zu Brücken zwischen ihrer Heimat und ihrem Leben in Deutschland.
Stickerei war lange ein fester Bestandteil des Alltags vieler Familien in Afghanistan. Bestickte Kleidung und andere Textilien gehörten zum kulturellen Leben und wurden zu unterschiedlichen Anlässen getragen oder verwendet. Auch meine Familie meine Familie war in diesem Bereich tätig. Ich bin mit Stoffen, Garnen, Mustern und Stickerei aufgewachsen. Viele der Eindrücke von damals sind bis heute Teil meiner Erinnerungen.
Wenn Stoffe Geschichten erzählen
Viele Jahre später, fern von Afghanistan, begegnen mit diese vertrauten Formen in Berlin wieder. Zwischen den ausgestellten Textilien in der Ausstellung „Verbindende Fäden: Gestickte Narrative aus Afghanistan und der Diaspora“ wird ein Stück meiner Vergangenheit lebendig.

Noch bis zum 28. Februar 2027 können Besucher:innen auf dem Forschungscampus Dahlem verschiedene Beispiele afghanischer Stickkunst entdecken, darunter bestickte Kleidungsstücke, Tücher, Kopftücher und Tschadors. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum Berlin präsentiert. Der Eintritt ist frei.
Doch die Textilien erzählen mehr als die Geschichte einer traditionellen Handwerkskunst. Sie bewahren persönliche Erfahrungen, familiäre Überlieferungen und kulturelle Zugehörigkeit.
Eine Ausstellung, die mit Erinnerungen begann
Die Ausstellung wurde von Azita Ibrahimi und Dr. Melanie Krebs kuratiert. Ibrahimi ist Künstlerin und Kunsthistorikerin aus Herat in Afghanistan. Sie promoviert am Zentralasien-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin zu Transformationsprozessen afghanischer Stickerei, insbesondere im Kontext afghanischer Communities in Deutschland. Ihre wissenschaftliche und künstlerische Arbeit verbindet Fragen materieller Kultur mit gegenwärtigen Debatten zu Diaspora, Erinnerung und transkulturellen Ästhetiken.

Die Idee zur Ausstellung entstand aus ihren Beobachtungen und Gesprächen mit Menschen, die Afghanistan verlassen haben. Dabei stellte Ibrahimi fest, dass viele von ihnen ein ein Stück Stoff, ein Kleidungsstück oder ein anderes textiles Erinnerungsstück mitgenommen haben. Hinter diesen Gegenständen verbargen sich häufig persönliche Geschichten und ähnliche Erinnerungen.
So entstand die Idee, den Textilien und den Geschichten dahinter in einem Berliner Museum einen Raum zu geben. Mit „Verbindende Fäden“ wurde diese Idee verwirklicht.
Wenn Stoffe an Bedeutung gewinnen
Für Ibrahimi ist Stickerei weit mehr als eine dekorative Technik. In Afghanistan war sie eng mit dem Alltag, kultureller Traditionen und verschiedenen Zeremonien verbunden. Doch mit der Migration hat sich auch die Bedeutung dieser Kunst für viele Menschen verändert.
In ihren Forschungen beobachtete Ibrahimi, dass auch Menschen, die in Afghanistan selbst kaum bestickte Stoffe verwendet hatten, nach ihrer Migration eine neue Beziehung zu ihnen entwickelten. Die Textilien vermittelten ihnen ein Gefühl von Nähe zur Heimat. Für manche wurden sie zu einem der wenigen materiellen Gegenstände, die sie ihrem früheren Leben mitnehmen konnten.

Während bei der Auswahl von Kleidung Stoffen in Afghanistan häufig der materielle Wert und die Qualität des Stoffes eine wichtige Rolle spielten, kann für Menschen in der Diaspora die emotionale Bedeutung stärker in den Vordergrund treten. Der Stoff ist dann nicht mehr nur ein Gebrauchsgegenstand. Er kann zu einem Symbol für Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit werden.
Damit eröffnet die Ausstellung einen Blick auf das afghanische Kunsthandwerk, der über Muster, Farben und Herstellungstechniken hinausgeht. Sie erzählt von den Menschen hinter den Textilien und insbesondere von den Frauen, die das Wissen um diese Stickkunst bewahrt und an nachfolgende Generationen weitergegeben haben.