Einmal im Monat verwandelt sich eine Etage eines Hubs für migrantische Künstler:innen in einen Raum, der auf den ersten Blick nichts mit Kunst zu tun hat. In einem fünfstündigen Workshop bauen Bewohner:innen der deutschen Hauptstadt Drohnen.
Organisiert wird das von der Freiwilligeninitiative „DroneAid Berlin“. Sie ist Teil eines internationalen Netzwerks, das 2023 in den Niederlanden entstand und heute in mehreren Ländern Europas aktiv ist. In Deutschland finden die Workshops von „DroneAid Berlin“ außer in Berlin auch in München, Hamburg, Kempten und Dresden statt.

Mit Liebe aus Berlin
In den Workshops werden Abfangdrohnen gebaut. „Sie können sowohl logistische Aufgaben erfüllen als auch zum Abfangen kleiner Ziele eingesetzt werden, die Russland täglich gegen die Ukraine startet“, sagt Oleksandr, Mentor bei „DroneAid Berlin“. Es gehe daher vor allem um feindliche Kurzstreckendrohnen, die Zivilist:innen in Cherson, Sumy und anderen frontnahen Städten angreifen.
Auf den Tischen liegen Carbonrahmen künftiger FPV-Drohnen, Tütchen mit Einzelteilen, Werkzeuge und eine 23-seitige Schritt-für-Schritt-Anleitung. Normalerweise gibt es auch Lötkolben. Diesmal wurde das Löten wegen der extremen Hitze jedoch in einen Nebenraum verlegt.

Manche Teilnehmer:innen kommen allein zum Workshop, andere zusammen mit Verwandten oder Freund:innen. Die Ukrainerin Jewhenija und der Albaner Attila kommen sogar mit ihrem kleinen Sohn. Jewhenija erzählt Amal News, das Ticket für den Workshop sei ihr Geburtstagsgeschenk für ihren Mann.

Der Workshop kostet zum „Early-Bird“-Tarif 299 Euro, ansonsten 349 Euro. Es gibt auch das Format „Team Up“, bei dem zwei Personen gemeinsam eine Drohne bauen. Im Grunde entspricht dies dem Preis für den kompletten Bausatz aller Teile; die Teilnehmer:innen spenden damit für eine Drohne. Danach bauen sie diese mit Unterstützung der Mentor:innen selbst zusammen. Nach dem Test werden alle Drohnen in die Ukraine geschickt.
„Meine Frau lötet besser“
Zu Beginn des Workshops zeigt Oleksandr eine fertige Drohne. Genau eine solche sollen die Teilnehmer:innen in wenigen Stunden bauen. Oleksandr ist von Beruf Computeringenieur. Früher kam er selbst mit seiner Frau als Teilnehmer zu einem solchen Workshop. Weil er so begeistert war, schloss er sich dem Team an, das aus mehreren Dutzend Freiwilligen besteht.
„Aber meine Frau lötet viel besser als ich“, sagt der Mentor lächelnd. Er erklärt, dass bei diesen Workshops schnell das Klischee widerlegt werde, dass Drohnen nur etwas für Männer oder für „Techniker“ seien. „Es hat noch nie den Fall gegeben, dass jemand gekommen ist, ehrlich eine Drohne bauen wollte und es nicht geschafft hat.“

Deutsche sind aktive Teilnehmer:innen der Workshops
Die Zusammensetzung der Teilnehmer:innen ist jedes Mal unterschiedlich. Es gibt Workshops, bei denen fast alle Ukrainer:innen sind. Diesmal überwiegen jedoch die Deutschen. Oleksandr teilt sie in drei grobe Gruppen ein. Die erste sind diejenigen, die ohnehin ständig für die Unterstützung der Ukraine spenden. Oft haben sie einen persönlichen Bezug: Verwandte oder Freund:innen. „Sie wollen genauso etwas tun wie die Ukrainer:innen“, erklärt er.
Die zweite Gruppe sind Menschen, die über ein eigenes Start-up zur Drohnenproduktion nachdenken. Laut Oleksandr ist das derzeit ein Trend in Berlin. Unterstützt wird dieser Bereich von der Agentur für Wirtschaftsförderung und Innovation beim Berliner Senat.
Und schließlich gibt es viele Deutsche, für die Drohnen ein Hobby sind. Sie träumen davon, ein eigenes Fluggerät zu bauen und es selbst zu steuern. Der Workshop hilft zu verstehen, womit man anfangen kann. Außerdem können sie einen Flug im FPV-Simulator ausprobieren.
Der Deutsche Miko ist einer von denen, die vor allem mit dem Wunsch gekommen sind, die Ukraine zu unterstützen. Für ihn ist der Workshop nicht nur eine interessante technische Erfahrung, sondern auch eine Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zu leisten. „Die Ukraine verteidigt unsere Unabhängigkeit. Eine starke Ukraine bedeutet auch ein starkes Europa“, sagt er.
Er findet, dass auch die Europäer:innen sich angesichts neuer Sicherheitsherausforderungen dieses Wissen und diese Fähigkeiten aneignen sollten. „Die Zukunft der europäischen Verteidigung liegt in Drohnen, die alte Vorstellungen vom Krieg grundlegend verändert haben“, sagt er.

Mehr als nur eine Spende
Für den Programmierer Mychajlo, der seit elf Jahren in Berlin lebt, ist die Teilnahme am Workshop eine Möglichkeit, trotz der Entfernung eingebunden zu sein. „So oder so wird ständig etwas Geld für die Ukraine gespendet. Aber das ist etwas mehr, als einfach nur zu spenden“, sagt er.
Der Prozess des Drohnenbaus erinnere ihn an einen Lego-Baukasten: „Alle Teile sind fertig, alles ist klar beschrieben, was und wie man verbinden und anschließen muss.“ Mychajlo hat bereits Ideen, welchen Bekannten er den Workshop noch empfehlen könnte.
Für diejenigen, die noch nicht bereit sind, eine Drohne selbst zu bauen, gibt es ein Gästeticket für zehn Euro. Es ermöglicht, sich anzusehen, wie alles abläuft, und mit dem Team zu sprechen.

Genau so kam Wira zum Workshop, die seit 2022 in Berlin lebt. „Elektronik ist mir nicht fremd“, sagt sie. Wira testet Geräte in einem deutschen Automobilunternehmen. Nach einigen Stunden des Beobachtens entscheidet sie, beim nächsten Mal gemeinsam mit einer Freundin eine Drohne zu bauen. „Ja, der Preis ist überhaupt nicht klein. Aber einmal im Jahr kann ich mir das leisten.“

Am Ende des Workshops kommt der Moment, auf den alle gewartet haben: die Teststarts. Diesmal haben die Teilnehmer:innen acht Drohnen gebaut, und jede wird nacheinander kurz geprüft. Die Propeller beginnen zu surren und die Drohne hebt sich einige Dutzend Zentimeter vom Tisch ab. Eine Minute später setzt sie sanft wieder auf – unter freudigem Applaus der Teilnehmer:innen.