Von Erinnerung und Verlust bis zu Identität und Zugehörigkeit verwandelt Laian Abo Rashid ihre persönlichen Erfahrungen in Kunstwerke. In ihren Arbeiten sucht die Künstlerin nach einer tieferen Bedeutung dessen, was Menschen mit sich selbst und mit den Orten verbindet, die sie geprägt haben.
Die palästinensisch-irakische Künstlerin wuchs in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf und zog Ende 2019 nach Deutschland. Heute studiert sie Kommunikationsdesign an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt. Für sie ist „das Bild nicht nur ein Bild, sondern ein Raum, der sagen kann, was sich manchmal nur schwer in Worte fassen lässt“.
Was Laian Abo Rashid besonders an der Malerei fasziniert, ist ihre Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, die sich nur schwer in Worte übersetzen lassen. Ein Bild kann ihrer Ansicht nach viele Bedeutungen tragen – vielleicht sogar ein Gefühl, das sich kaum erklären lässt, egal wie lange man darüber spricht.
Wenn die Idee für ein Bild aus einem vagen Gefühl entsteht
Seit ihrer Kindheit ist das Zeichnen Teil ihres Lebens. Mit der Zeit veränderte sich jedoch ihre Beziehung dazu. Zeichnen war nicht mehr nur eine Tätigkeit, die sie liebte, oder eine Fähigkeit, die sie beherrschte. Es wurde vielmehr die Art, wie sie sich ausdrückt und versucht, ihre Gefühle und persönlichen Erfahrungen besser zu verstehen.

Im Laufe der Jahre begann sie deshalb, nicht mehr nur Dinge zu zeichnen, die sie mochte. Sie nutzte Kunst als Mittel zur Reflexion – und als Möglichkeit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was in ihre selbst vorgeht. Auch bei der Entstehung ihrer Bilder, sucht Laian Abo Rashid nicht unbedingt an fernen Orten nach Inspiration. Sie beginnt vielmehr bei ihren Gedanken: alte Erinnerungen, Bilder, Menschen, Orte, kleine Details oder ein Gefühl, das sie eine längere Zeit begleitet hat.
„Die Idee kommt in meinem Kopf nicht vollständig an“, erzählt sie. „Sie beginnt mit einem flüchtigen Bild, einer Körperbewegung, einem Bett, einem Vogel, einem Fenster, oder sogar mit einer bestimmten Farbe. Und während des Malprozesses beginne ich zu entdecken, warum dieses Bild oder diese Details in meinem Gedächtnis haften.“
Zwischen Ort, Erinnerung und Identität
Laian Abo Rashid schöpft ihre Kunst aus persönlichen Erfahrungen. Der Wechsel von einem Land in ein anderes, Verlust, Sehnsucht und Erinnerung sowie die sich verändernde Beziehung des Menschen zu einem Ort sind Themen, die in ihren Arbeiten direkt oder indirekt präsent sind.
„Ich möchte meine Bilder aber nicht in bloße Dokumentation von Ereignissen verwandeln, die ich erlebt habe. Vielmehr geht es darum, die persönliche Erfahrung zu nutzen und sie in ein Gefühl zu verwandeln, das ein anderer Mensch sehen und mit dem er interagieren kann, auch wenn sein Leben ganz anders ist als meines“, sagt sie.
Jede frühere Version lebt
Auf die Frage nach den Arbeiten, die ihr am nächsten stehen, zeigt Laian Abo Rashid ein Bild, das zwei Versionen ihrer selbst zeigt, die durch Fäden miteinander verbunden sind. Für sie verkörpert das Werk die Beziehung zwischen den verschiedenen Phasen ihres Lebens. Ihre frühere Version verschwindet nicht einfach, wenn sie älter wird. Sie bleibt in der Person bestehen, die sie heute ist.

Laien Abo Rashid sagt, die Arbeit handle von ihrer Beziegung zu ihr selbst und zu all den Phasen, die sie durchlaufen habe. Die Künstlerin sieht keinen Grund darin, eine frühere Version hinter sich zu lassen und einfach weiterzugehen. Diese Version sei weiterhin Teil von ihr und habe dazu beigetragen, ihre heutige Persönlichkeit zu formen. Sie fasst die Idee mit einem englischen Satz zusammen, den sie besonders mit dem Werk verbindet: „Every version of myself still lives within the next.“ Jede Version eines Menschen bleibt auf die eine oder andere Weise in derjenigen präsent, zu der er später wird.
Kunst hat keinen endgültigen Stil
Wenn Laian Abo Rashid ihre Anfänge mit dem vergleicht, was sie heute erreicht hat, spricht sie nicht von einem Endpunkt oder einem vollendeten Ziel. Am Anfang malte sie, weil sie das Malen liebte und das Gefühl hatte, es zu brauchen – ohne genau zu wissen, wohin es sie dieser Weg sie führen würde.
Heute verfügt sie über einen umfangreichen Fundus an Arbeiten, Ausstellungen und künstlerischen Erfahrungen. Sie kann ihre Stimme und ihre Identität als Künstlerin besser verstehen. Trotzdem sagt sie, dass sie sich noch immer wie am Anfang fühle. Und genau darin liegt für sie etwas Positives.
Sie möchte nicht an einen Punkt gelangen, an dem sie das Gefühl hat, ihren „endgültigen Stil“ gefunden zu haben. Ein wesentlicher Teil der Kunst besteht für sie darin, sich weiterzuentwickeln, zu experimentieren und sich vielleicht sogar selbst mit dem Ergebnis zu überraschen. Kunst bleibe vielmehr ein offener Prozess, in dem Veränderung und Suche ihren festen Platz haben.
Arabisches und deutsches Publikum
Den Unterschied zwischen arabischen und deutschen Publikum sieht sie nicht darin, dass eine Seite Kunst besser verstehe als das andere. Vielmehr gehe es um die unterschiedliche Art, wie das Publikum ein Kunstwerk lese und interpretiere.
Ihrer Erfahrung nach könne das arabische Publikum bestimmte Details manchmal schnell erfassen, weil es ein gemeinsames visuelles oder kulturelles Gedächtnis gebe. Das könne ein Symbol sein, eine Bewegung, ein Stück Stoff oder sogar ein Gefühl von Sehnsucht, das für arabische Betrachter:innen eine Bedeutung trägt, ohne dass es ausführlich erklärt werden muss.

Beim deutschen Publikum beobachtet Laian Abo Rashid dagegen häufig eine stärkere Tendenz, nach dem Hintergrund eines Werkes, seiner Idee und seinen Kontext zu fragen. Sie versteht diese Fragen als eine positive Gelegenheit, ihre eigenen Arbeiten aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Reaktionen zeige ihr, dass ein Bild nicht nur eine einzige Bedeutung haben müsse. Dasselbe Werk könne auf verschiedene Arten gelesen werden – abhängig von der Person, die davonstehlt, ihrem kulturellen Hintergrund und ihren persönlichen Erfahrungen.
Ausstellungen und künstlerische Erfahrungen in Deutschland
Während ihres bisherigen Weges in Deutschland nahm die Künstlerin an verschiedenen Ausstellungen und künstlerischen Projekten teil. Dazu gehörte eine Einzelausstellung, in der sie eine Gruppe von neun Bildern präsentierte. Diese Bilder beschäftigten sich mit Themen wie Verlust, Sehnsucht, Liebe, Identität und Körper und näherten sich der Idee der Rückkehr zum Selbst und zur Erinnerung. Später zeigte sie auch die Ausstellung „Ouroboros“, die für sie eine andere und zugleich wichtige Erfahrung in ihrer künstlerischen Entwicklung war.
Parallel zu ihren Ausstellungen sammelt Laien Abo Rassig vielfältige Erfahrungen. So arbeitet sich auch in Kooperationen an der Schnittstelle von Kunst und visuellem Design – insbesondere im Rahmen ihres Studiums und ihrer beruflichen Tätigkeit. Jede dieser Erfahrungen hat ihr geholfen, wie sie sich als Künstlerin präsentieren möchte und wie sie über ihre Arbeiten und ihr künstlerisches Projekt sprechen kann.