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Naza: Die Mechanismen des Gaza-Krieges

© Naza/The Guardian
© Naza/The Guardian

Der Dokumentarfilm Naza gibt Einblicke in den Krieg in Gaza. Offiziere und Soldat:innen aus Eliteeinheiten der israelischen Geheimdienste und der Armee erzählen, wie das Militär mithilfe von künstlicher Intelligenz Angriffe plant und dabei den Tod palästinensischer Zivilist:innen einkalkuliert.

Drei Jahre lang führten Yuval Abraham und Rachel Szor nachts Interviews auf den Dächern Tel Avivs. Die Filmemacher:innen sprachen heimlich mit 24 israelischen Offizier:innen und Soldat:innen aus Eliteeinheiten der israelischen Geheimdienste und der Armee, die am Krieg in Gaza beteiligt waren. Die meisten von ihnen waren Geheimdienstoffiziere, die Angriffe von Bildschirmen aus vorbereiteten und so aus der Ferne an der Tötung von Palästinenser:innen mitwirkten. Ihre Identitäten wurden verborgen, ihre Stimmen und Bilder verändert. Laut eigener Aussage haben die Filmemacher:innen Jahre damit verbracht, die Aussagen zu überprüfen. Die Aussagen bilden die Grundlage des Dokumentarfilms Naza.

Naza: Wenn zivile Opfer als Kollateralschäden gelten

Der Filmtitel Naza bezieht sich auf einen hebräischen Begriff, der im militärischen Kontext für Kollateralschäden steht. Gemeint sind zivile Opfer und Sachschäden, die bei Angriffen auf militärische Ziele entstehen. Der Film rückt diesen Begriff in den Mittelpunkt und zeigt anhand der Aussagen von Zeug:innen, wie mögliche zivile Verluste in die Planungen militärischer Operationen im Gazastreifen einfließen.

Der Film dokumentiert unter anderem Aussagen über die gezielte Bekämpfung von Wohngebäuden im Gazastreifen. Demnach wussten die israelischen Streitkräfte, dass sich Zivilist:innen darin aufhielten. Die Berichte schildern, wie bewohnte Häuser als Angriffsziele erfasst wurden, obwohl die Entscheidungsträger:innen wussten, dass ein Angriff zum Tod zivilen Bewohner:innen führen könnte.

Ein Soldat erzählt, wie er nach dem Beschuss eines Wohnhauses mit seinem direkten Vorgesetzten rauchte und ihn nach dem Sinn des Geschehens fragte. „Du musst solche Fragen nicht stellen. Vertraue einfach dem System“, lautete die Antwort.

Ein weiterer Soldat berichtet von Bombardierungen, bei denen Kinder und andere Zivilist:innen getötet worden seien. Dabei schildert er den Anblick der Leichen, die nach den Angriffen am Ort zurückblieben. Der Soldat sagt, er habe es nicht ertragen können, wie Hunde an den Leichen von Kindern fraßen. Während er diesen Anblick kaum ertragen hätte, hätten andere Soldaten dem Geschehen zugesehen.

„Was geschieht, ist Völkermord“

In einer weiteren Sequenz bezeichnet ein Soldat das Vorgehen im Gazastreifen als Völkermord. Er fordert, die Ereignisse unmissverständlich beim Namen zu nennen. Diese Aussage gehört zu den schärfsten Stellungnahmen des Films über den israelischen Krieg gegen den Gazastreifen.

Zahlreiche Aussagen zeigen, wie Entscheidungen über Angriffe getroffen werden und wie die erwartete Zahl ziviler Opfer bereits vor einem Luftangriff in die Kalkulationen einfließt. Die Schätzungen hätten in manchen Fällen zwischen 15 und 20 Menschen gelegen. Bei anderen Angriffen seien die erwarteten Zahlen auf Hunderte Tote gestiegen – in einzelnen bis auf rund tausend Menschen.

Damit werfen die Aussagen grundlegende Fragen nach den Kriterien für die Auswahl militärischer Ziele, der Verhältnismäßigkeit von Angriffen und der Verantwortung der Entscheidungsträger:innen auf.

Wenn Töten zur Arbeit wird: Die fehlende moralische Frage

In einem Interview fragt Yuval Abraham einen Soldaten, ob er jemals darüber nachgedacht habe, warum er töte – und warum er dem Töten nicht widersprochen habe. Der Soldat antwortet, es habe nicht zu seinen dienstlichen Aufgaben gehört, moralische Fragen zu stellen. Die Szene verdeutlicht die im Film wiederkehrende Spannung zwischen der Ausführung militärischer Befehle und der persönlichen Verantwortung für deren menschliche Folgen.

In einer weiteren Szene fragt Yuval Abraham einen Soldaten, ob die Soldaten nach den Tötungen psychologische Unterstützung benötigt hätten. Die Antwort fällt eindeutig aus: „Nein, wir brauchten keine psychologische Unterstützung.“ Dreimal wiederholt er seine Antwort und betont, dass weder er noch seine Kameraden entsprechende Hilfe gebraucht hätten.

Gegen Ende des Films sind Aufnahmen israelischer Angriffe auf den Gazastreifen zu sehen. Die Bilder der Zerstörung treffen auf die Aussagen der Militärangehörigen und verbinden deren Berichte mit den sichtbaren Folgen des Krieges vor Ort. Auf diese Weise lenkt Naza den Blick auf die Entscheidungsmechanismuen und fragt, wer für die Tötung von Zivilist:innen Verantwortung trägt.

Von Venedig zur internationalen Debatte

Regie führten die beiden israelischen Filmemacher:innen und Journalist:innen Yuval Abraham und Rachel Szor, die bereits an dem Dokumentarfilm „No Other Land“ beteiligt waren. Dieser gewann 2025 den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Naza wurde weltweit erstmals im offiziellen Wettbewerb der 83. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Venedig gezeigt. Seit seiner Premiere sorgt der Film in Israel und international für Diskussionen über über die Darstellung des Krieges in Gaza.

Naza: Vorführungen bis Ende Oktober

Am 1. Oktober 2026 wurde Naza erstmals in der deutschen Hauptstadt Berlin gezeigt. Die Vorführungen laufen bis Ende Oktober. Der Film soll Ende November auf der Website des Guardian kostenlos online zur Verfügung stehen.

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