Seit mehr als 50 Jahren bewahrt Hussein den Schlüssel zu seinem Elternhaus im Irak auf. Das Haus wurde im Krieg beschädigt, sein Leben verlagerte sich nach Deutschland. Doch der Schlüssel ist geblieben – als Erinnerung an eine Heimat.
Hussein holt einen alten Schlüssel hervor. Wer ihn zum ersten Mal sieht, könnte ihn für den Schlüssel zu einem Tor eines alten Palasts halten. Für Hussein aber öffnet er die Erinnerung an Geruch des Brotes seiner Mutter, dem Kaffee seiner Großmutter und den Stimmen der Kinder aus dem Viertel, wenn sie zum Spielen hinausliefen. Er bewahrt den Schlüssel in einer kleinen Holzschublade auf. Sorgfältig legt der 80-Jährige ihn wieder an seinen Platz zurück, als fürchte er, auch das Letzte zu verlieren, was von einem Leben geblieben ist, das er vor mehr als 50 Jahren hinter sich ließ.
„Ein Teil des Hauses wurde im Krieg beschädigt. Aber ich habe den Schlüssel behalten. Dieser Schlüssel ist länger bei mir geblieben, als ich dort geblieben bin“, sagt Hussein. Die Schäden am Haus führt er auf die aufeinanderfolgenden Kriege zurück, die der Irak seit dem Golfkrieg bis zur Besetzung Bagdads im Jahr 2003 erlebt hat.
1980 kam er als junger Mann aus dem Irak. Er arbeitete in Deutschland, gründete eine Familie, zog seine Kinder groß und erlebte die Geburt seiner Enkelkinder. Heute lebt er in einem Vorort von Hamburg. Fast sein ganzes Leben hat sich verändert. Doch der Schlüssel blieb.
Damit geht seine Geschichte über die eines Mannes hinaus, der ein altes Erinnerungsstück aufbewahrt: Warum können kleine Gegenstände für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, einen so große Bedeutung bekommen?
Wenn Dinge zu Erinnerung werden
Die Studie „Social Trauma, Nostalgia and Mourning in the Immigration Experience“ beschäftigt sich mit dem Konzept der sogenannten „Linking Objects“. Gemeint sind Gegenstände oder Symbole, die Migrant:innen und Menschen im Exil helfen können, ihre Verbindung zur Vergangenheit aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig versuchen, sich an ein neues Leben anzupassen.
Das kann ein Foto sein, ein persönliches Erinnerungsstück, ein Lied oder sogar ein bestimmter Geruch, der das Vergangene wieder lebendig werden lässt. Der Wert liegt nicht unbedingt in ihrem materiellen Wert, sondern in der Erinnerung und der Bedeutung, die sie für Menschen tragen.
Auch Husseins Schlüssel ist nicht nur ein einfacher Gegenstand. Er ist zu einer Brücke zwischen zwei Leben geworden. Wenn Hussein als Besucher in den Irak zurückkehrt, stellt er fest, dass sich der Ort verändert hat, den er in seiner Erinnerung bewahrt hat. Gesichter sind verschwunden, Viertel haben sich gewandelt, Freund:innen sind fortgezogen, und das Haus selbst wurde beschädigt. Wenn er nach Deutschland zurückkehrt, findet er das Leben vor, das er über Jahrzehnte aufgebaut hat: seine Kinder, seine Enkelkinder, seinen Arzt und seine Rente.
„Dort bin ich fremd geworden, und hier fühle ich mich nicht deutsch“, sagt Hussein. Doch dieser Widerspruch lässt sich nicht einfach damit auflösen, wo Heimat ist. Seine Erfahrung berührt hier das Konzept der „psychologischen Heimat“, das in der Migrationsforschung untersucht wird. Heimat wird demnach nicht allein durch eine Adresse bestimmt. Sie entsteht auch aus Sicherheit, Zugehörigkeit, Identität, Beziehungen und persönlichen Bedeutungen, die Menschen mit Orten und Dingen verbinden.
Deshalb lautet die Frage für Hussein vielleicht nicht: Irak oder Deutschland? Der erste Ort trägt seine Erinnerung tragen, der zweite aber sein Leben.
Integration löscht das erste Leben nicht aus
Husseins Geschichte erzählt nicht vom Scheitern der Integration. Er arbeitete, gründete eine Familie und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Deutschland. Doch sie zeigt, dass Integration in eine neue Gesellschaft nicht zwangsläufig bedeutet, frühere Erinnerungen auszulöschen oder eine Identität durch eine andere zu ersetzen.
Während der Arbeitsjahre hatte Hussein wenig Zeit, über die Bedeutung von Zugehörigkeit nachzudenken. Er arbeitete, zog seine Kinder groß und baute sein neues Leben auf. Erst im Ruhestand wurde die Zeit länger. Fragen kehrten zurück, die der Rhythmus des Alltags jahrzehntelang überlagert hatte.
Mit dem Älterwerden der ersten Migrant:innengeneration treten Fragen nach Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit stärker hervor. Gleichzeitig wird sichtbar, wie schwer es ist, die Erfahrung einer ganzen Heimat an Kinder und Enkel weiterzugeben, die den Ort, an dem diese Erinnerung entstanden ist, nie selbst erlebt haben.
Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit
Hussein vermisst nicht mehr nur das Haus, sondern auch die Stimmen der Nachbar:innen, den Geruch des Brotes und die Gespräche am Abend. Die Sprache macht diese Distanz sichtbar. Hussein und seine Frau sprechen noch immer ihren irakischen Dialekt, während ihre Enkel flüssiger Deutsch als Arabisch sprechen. Wenn er versucht, ihnen von seiner Kindheit zu erzählen, hat er manchmal das Gefühl, dass seine Geschichte auf Deutsch ohne Seele ankommt.
Manchmal gibt er einem seiner Enkel den Schlüssel in die Hand. Das Kind sieht darin ein altes Stück Eisen. Der Großvater sieht ein Haus, eine Straße, Gesichter und fünf Jahrzehnte voller Erinnerungen. Es ist derselbe Schlüssel. Doch seine Bedeutung ist für zwei Generationen eine völlig andere. Sein Enkel fragt: „Großvater, warum behältst du ihn noch?“ Hussein antwortet: „Weil er das Letzte ist, was beweist, dass ich dort war, und vielleicht das Letzte, was mich mit meiner Identität verbindet.“
Hussein legt den Schlüssel wieder in die Schublade und schließt sie. Vielleicht bewahrt er ihn längst nicht mehr auf, weil er erwartet, damit eines Tages die Haustür zu öffnen. Vielleicht bewahrt er ihn auf, weil er noch eine andere Tür öffnet: die Tür der Erinnerung. Manche Dinge bewahren wir nicht wegen ihres materiellen Werts auf, sondern weil sie etwas von uns selbst bewahren. Vielleicht kann ein Schlüssel seine Besitzer:innen an einen Ort zurückbringen. Aber kein Schlüssel kann ihn in die Zeit zurückbringen, die er dort zurückgelassen hat.