Während in Deutschland weiter darüber diskutiert wird, wie schnell Migrant:innen in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen, hat die Bundesregierung eine erneute Ausweitung der berufssprachlichen Förderangebote angekündigt. Ab dem 1. Oktober 2026 sollen wieder mehr Kurse auf den Niveaustufen B2, C1 und C2 angeboten werden. Gleichzeitig entfällt die bisherige Beschränkung der C1- und C2-Kurse auf bestimmte Berufsgruppen. Dies Angebote sollen damit wieder für Lernende aus allen Berufsgruppen zugänglich sein.
Auch B1-Kurse und Fachpraxis-Kursen für Menschen mit geringerer Lernerfahrung sollen wieder angeboten werden. Die Bundesregierung bezeichnet die Änderungen als einen wichtigen Schritt, um Migrant:innen bessere Chancen auf Bildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Integration von Migranten zu eröffnen.
Die politische Neuausrichtung wirft zugleich eine grundlegende Frage auf: Reicht ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt für eine erfolgreiche Integration aus? Oder ist der Erwerb umfassender Sprachkenntnisse eine ebenso wichtige Voraussetzung für langfristige berufliche und gesellschaftliche Teilhabe?
Amal News hat mit zwei Menschen gesprochen, die unterschiedliche berufliche Erfahrungen haben: Jalaludin Attayee, ein Sozialarbeiter mit Sprachniveau C1, und Amin Ahmadi, ein Arzt aus Afghanistan, der zurzeit auf dem Sprachniveau B2 lernt.
Sprache als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe
Jalaludin Attayee lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Der afghanische Staatsbürger verfügt über ein Deutschzertifikat auf dem Niveau C1 und arbeitet derzeit als Sozialarbeiter in einer Unterkunft für Migrant:innen. Darüber hinaus engagiert er sich seit mehreren Jahren ehrenamtlich für die Unterstützung und Integration von Migrant:innen – insbesondere von Menschen aus Afghanistan.
Für Attayee ist Sprache eine zentrale Voraussetzung für die soziale und wirtschaftliche Integration von Migrant:innen. „Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation, sondern der Schlüssel zum Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung, Verwaltungssystem und gesellschaftlicher Teilhabe“, sagt er. Sprachförderung müsse als langfristige Investition verstanden werden. Mit besseren Sprachkenntnissen nähmen auch die soziale, finanzielle und geistige Selbstständigkeit der Menschen zu, während ihre Abhängigkeit von anderen sinke. Kurzfristige politische Maßnahmen dürften daher nicht dazu führen, dass die Bedeutung des Spracherwerbs in den Hintergrund gerate.
Reicht das Niveau B1 für die Integration?
Eine zentrale Frage ist, ob das Niveau B1 für das Leben und Arbeiten in Deutschland ausreicht. Für Attayee ist B1 zwar „der Ausgangspunkt der Integration“, für viele Berufe aber nicht ausreichend. Insbesondere Tätigkeiten mit direktem Kontakt zu Menschen oder mit hohen fachlichen Anforderungen setzten häufig weitergehende Sprachkenntnisse voraus. Wer vor Abschluss der Sprachausbildung in den Arbeitsmarkt eintrete, könne später mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert sein – etwa mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, häufigen Wechseln des Arbeitsplatzes oder eingeschränkten beruflichen Aufstiegschancen.
Attayee plädiert deshalb dafür, Beschäftigung und Sprachförderung nicht als Gegensätze zu betrachten. Statt zwischen einem schnellen Arbeitsmarkteintritts und weiterem Spracherwerb entscheiden zu müssen, sollen Migrant:innen die Möglichkeit erhalten, ihre Sprachkenntnisse parallel zur Beschäftigung kontinuierlich auszubauen. Davon können langfristig sowohl Migrant:innen als auch die deutsche Gesellschaft profitieren.
Die Erfahrung eines Arztes: Sprache als Weg zur Unabhängigkeit
Auch Amin Ahmadi hat die Bedeutung von Sprache aus eigener Erfahrung kennengelernt. Der afghanische Staatsbürger hat Medizin studiert und vor seiner Migration zwei Jahre als Arzt in einem Krankenhaus in Afghanistan gearbeitet. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Deutschland und hat es nach eigenen Angaben durch kontinuierliches Lernen Deutschkenntnisse bis zum Niveau B2 angeeignet.
Besonders deutlich wurde ihm die Bedeutung der Sprache in den ersten Monaten nach seiner Ankunft. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse war er selbst bei alltäglichen Aufgaben, dem Besuch bei Ärzt:innen und Behördengängen häufig auf die Unterstützung anderer angewiesen. „Als ich die Sprache nicht konnte, brauchte ich für die kleinsten Dinge andere; aber heute kann ich alle meine Angelegenheiten selbstständig erledigen“, sagt Ahmadi.
Für ihn bedeutet Spracherwerb deshalb mehr als die Fähigkeit, sich im Alltag zu verständigen. Die wachsenden Sprachkenntnisse hätten sein Selbstvertrauen gestärkt und ihm ermöglicht leichter mit der Gesellschaft in Kontakt zu treten. Zugleich habe er die deutsche Kultur und die geltenden Gesetze besser kennenlernen und fundierte Entscheidungen für seine schulische und berufliche Zukunft treffen können. Heute fühle er sich nicht mehr fremd, sondern als Teil der deutschen Gesellschaft.
Beschäftigung und Sprache müssen zusammen gedacht werden
Ahmadi empfiehlt er neu angekommenen Migrant:innen, dem Spracherwerb von Anfang an eine hohe Priorität einzuräumen. Neben Sprachkursen könnten auch deutsche Podcasts und Radiosender, regelmäßige Gespräche mit deutschsprachigen Menschen sowie das kontinuierliche Üben mit anderen Lernenden den Lernprozess beschleunigen. Seine Erfahrung zeigt: Sprachkenntnisse können ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Integration, zur Fortsetzung der Bildung und zum Eintritt in den Arbeitsmarkt sein.