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Wie wäre Magdeburg ohne Falafel und Fachärzte?

Streik in Magdeburg Foto: Eman Helal
Streik in Magdeburg Foto: Eman Helal

Ankunft am Hauptbahnhof Magdeburg. Ich bin das erste Mal hier. Das erste Mal in Sachsen- Anhalt. Kaum hatte ich das Hauptportal des Bahnhofs verlassen, spürte ich die Schwere in der Luft. Eine kleine Aufmunterung kommt von der Fassade des Cinemaxx-Kinos gegenüber dem Bahnhof. Spidermann steht da zum Sprung bereit. Was er kann, kann ich auch, oder? Ich drücke die Schultern durch und mache mich auf den Weg, Magdeburg kennenzulernen. Ich weiß nicht, was mich erwartet, aber ich gebe zu: Ich habe viele Bilder im Kopf. Die anstehenden Landtagswahlen, der mögliche Wahlsieg der AfD. Heute bin ich gekommen, weil für den morgigen Mittwoch ein ungewöhnliches Ereignis gibt. Geschäftsleute und Restaurantbesitzer mit Migrationshintergrund haben zum Generalstreik aufgerufen. Sie wollen zeigen, wie Magdeburg aussieht, wenn alle, die die AfD loswerden möchte, tatsächlich gehen. Anschließend soll es eine Demonstration geben. 12 Tage vor der Landtagswahl liegen die Nerven blank. Deuten doch die Umfragen darauf hin, dass erstmals in der Bundesrepublik Deutschland in einem Bundesland eine als rechtsextrem eingestufte Partei die Regierung übernehmen könnte.

Streik Magdeburg Plakat
Erste Eindrücke aus der Stadt Foto: Eman Helal

Generalstreik gegen Rassismus

An diesem Mittwoch schließen in Magdeburg rund 120 Supermärkte, Restaurants und Geschäfte, die Menschen mit Migrationshintergrund gehören, um sich an einem freiwilligen Generalstreik zu beteiligen. Der Streik dauert von 10 Uhr morgens bis 15 Uhr. Danach nehmen die Geschäfte und Restaurants ihren Betrieb für die Öffentlichkeit wieder auf. Zur Teilnahme an dem Streik wird seit mehr als einem Monat unter dem Motto „Streik gegen Rassismus und Ausgrenzung“ aufgerufen. Unterstützt wird die Aktion vom Flüchtlingsrat des Landes Sachsen-Anhalt. Forderungen nach Massenabschiebungen und nach dem Ausschluss von Menschen mit Migrationshintergrund aus der Gesellschaft lösen bei vielen Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte Angst und Sorge aus. Freiwillige verteilten zwei Tage zuvor Poster, die den Streik und die Demonstration ankündigten. Auf dem Plakat steht: „Wir schließen heute unsere Türen, damit sich die Türen der freien und demokratischen Gesellschaft morgen nicht schließen.“ Um 13 Uhr soll vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt in Magdeburg eine große Demonstration starten.

Die Nerven liegen blank

Bei einem Rundgang durch das zentral gelegene Viertel Hasselbachplatz sieht man rechts und links arabische und türkische Geschäfte und Restaurants. Im Abstand von wenigen Metern hängen an den Laternen Wahlplakate der AfD. Einige senden eine direkte Botschaft wie: „Alles wird gut.“ Andere zeigen Bilder der Kandidaten. Die meisten tragen das Bild von Ulrich Siegmund, der die Regierung von Sachsen-Anhalt führen würde, falls die AfD die Mehrheit im Parlament gewinnt.

Es herrscht große Unsicherheit darüber, was die Zukunft bringen würde, falls die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommt. Einer der Besitzer eines arabischen Restaurants sprach über seine Angst und Sorge vor dem, was kommen könnte. Der Mann aus der syrischen Stadt Daraa sitzt neben seinem Freund, und beide rauchen zusammen. Kurz darauf steht er auf, um das Streikplakat an der Front des Restaurants aufzuhängen.

Die beiden Freunde erklärten sich zum Gespräch bereit, unter der Bedingung, dass ihre Namen nicht genannt werden. Sie fürchten einen Angriff auf das Restaurant oder Schikanen durch Rechtsextreme. Der Restaurantbesitzer lebt seit zehn Jahren in Magdeburg und besitzt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Er sprach über seine Erfahrungen mit der Ausländerbehörde und beklagte die Verzögerungen bei der Verlängerung von Aufenthaltstiteln sowie den Rassismus, dem sie ausgesetzt seien. Die Verlängerung seines Aufenthaltstitels dauerte 11 Monate. Der Restaurantbesitzer sagt, in der Stadt kursierten Berichte, wonach die Ausländerbehörde in den vergangenen drei Monaten keine Anträge auf Verlängerung von Aufenthaltstiteln und keine Einbürgerungsanträge mehr bearbeitet habe. Sollte die AfD an die Macht kommen, erwartet er, dass die arabischen Geschäfte in der Stadt geschlossen würden. Falls das geschieht, werde er darüber nachdenken, wieder nach Syrien zurückzukehren. Er erwartet, dass sich die Lage dort in zwei oder drei Jahren verbessert haben wird und er dann wieder dorthin zurückkehren kann.

Solidarität Streik
Aufruf zur Solidarität
Foto: Eman Helal

Die beste Lösung: Wegzug aus der Stadt

Sein Freund, der den Decknamen „Ahmed“ wählte, beschloss, mit seiner Frau und seinen Kindern in das Dorf Schönebeck bei Bernburg zu ziehen. Es liegt eine halbe Stunde von Magdeburg entfernt. Als er noch in Magdeburg lebte, beantragte er die deutsche Staatsangehörigkeit und wartete zwei Jahre lang, ohne eine Antwort zu erhalten. Er versuchte oft, die Einbürgerungsbehörde zu erreichen, bekam aber keine Antwort. Auch sein Onkel beantragte die Einbürgerung und wartete drei Jahre lang ohne Antwort. Nach seinem Umzug in das Dorf Schönebeck erhielt er die Staatsangehörigkeit nach einem Jahr und zwei Monaten. Ahmed sagt: „Ich habe von anderen von dem schwierigen Einbürgerungsgespräch in Magdeburg gehört. Dort werden etwa 16 Fragen gestellt. Die meisten betreffen politische Themen, die nicht jeder beantworten kann. Deshalb wird ihr Einbürgerungsantrag leicht abgelehnt.“

Ahmed und seine Frau erlebten vor einiger Zeit einen rassistischen Vorfall im Bahnhof von Magdeburg. Als er sich dem Aufzug näherte, stand dort ein älterer deutscher Mann und wartete auf den Aufzug. Er stützte sich auf einen Rollator. Der Mann sah sie an und sagte zu Ahmed: „Steigt nicht mit mir in den Aufzug.“ Ahmed und seine Frau warteten und fuhren später allein.

Streikplakate an den Schaufenstern der Geschäfte

Nermin hielt kurz an, um in Hasselbachplatz etwas Gemüse in dem Lebensmittelgeschäft zu kaufen, das einem Freund ihres Mannes gehört. Im Auto warten ihre Mutter und ihre beiden Kinder auf sie. Die syrisch-kurdische Mutter lebt seit 12 Jahren in Magdeburg. Auch an der Tür des Ladens hängt ein Plakat zur Beteiligung am Streik. Nermin sprach über ein seltsames Gefühl, das sie überkam, als sie ihre beiden Kinder am ersten Schultag begleitete. Das Schuljahr begann am 17. August in Magdeburg. Ihre älteste Tochter besucht in diesem Jahr die fünfte Klasse. Doch die Mutter stellte fest, dass alle Schüler in der Klasse ihrer Tochter Ausländer waren. Das war vorher nie so gewesen. Die Mutter hatte daher das Gefühl, dass eine Art Trennung zwischen ausländischen und deutschen Schülern stattgefunden habe. Nermin erinnert sich an einen Vorfall, der sie vor einigen Tagen verstörte, als sie auf der Straße ging. Ein deutscher junger Mann ging schnell an ihr vorbei und überholte sie. Dabei sagte er zu seinem Hund: „Schnell, schnell. Wir wollen nicht neben Ausländern herlaufen.“

Frau studiert Imbissplakat
Wie wäre Magdeburg ohne Döner und Shawarma? Foto: Eman Helal

Quelle: amalnews.de

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