Die ersten Minuten sind immer besonders aufregend. Wer wird kommen und wie sind die Teilnehmenden in Wirklichkeit? Zwar hatten wir mit allen ausführliche Vorstellungsgespräche geführt und ihre Probetexte gelesen; aus knapp 100 Bewerbungen die 15 besten ausgesucht. Aber all das per Google Meets: Wir in Berlin und die Teilnehmenden mit mehr oder weniger guter Internetverbindung aus Damaskus, Daraa und Tartous dazugeschaltet. Am Sonntag morgen kurz vor zehn Uhr ist es dann so weit: Nach und nach kommen die Teilnehmenden herein, grüßen, schauen sich um und setzen sich dann auf einen der Stühle, die wir im Kreis aufgestellt haben.

Heute beginnt der zweite Ausbildungsgang an der Amal News Journalistenschule in Damaskus. Wie bereits im vergangenen Jahr nutzen wir die Räume der Syrischen Akademie für Medien und Training. Hier war bis zum Sturz von Bashar al-Assad der Jugendverband der Baath-Partei untergebracht. Vor einem Jahr lagen auf dem Hof noch die hastig abgerissenen und zertrümmerten Bilder des gestürzten Regimes. Inzwischen ist viel passiert: Ein neues Video-Studio wurde eigerichtet, Computerräume für Schnitttraining stehen bereit und aus den vielen Klassenzimmern schwirren Stimmen. Es finden zeitgleich mehrere andere Workshops statt: Das neue Syrien setzt auf guten Journalismus und investiert in Training. Wir sind als Schule Teil davon. Unser Ziel: Wir wollen Journalist:innen fit machen, dass sie in den bestehenden Medien einen Beitrag leisten, die Berichterstattung besser zu machen oder eigene Medien gründen. Dabei setzen wir auf professionelles Training in allen Bereichen des Journalismus: Von der soliden geschrieben Nachricht bis zum erfolgreichen Social Media-Reel.
Die Schule hat inzwischen in Damaskus einen guten Namen

Wie beim letzten Durchgang wird das Projekt von Amal News Redakteur Abdolrahman Omaren geleitet. Amloud Alamir spielt als Leiterin des Trainings eine wichtige Rolle. Auch die anderen Kolleg:innen des syrischen Teams von Amal News wollen wieder als Trainer:innen nach Damaskus reisen und dort weitergeben, was sie sich in den Jahren als Amal News Journalist:innen in Deutschland aufgebaut haben. Zusätzlich kommen syrischen Trainer:innen zum Einsatz und auch die Teilnehmenden der ersten Generation der Journalistenschule haben zum Abschluss ihrer Ausbildung ein Train the Trainer-Seminar bekommen und können Übungseinheiten übernehmen. Der neue Durchgang wird vom GIZ Bridge-Programm finanziert und Amal News hat für dieses Projekt eine Kooperation mit dem Taqaddum Center for Dialogue and Peacebuilding aufgebaut. Der Taqaddum-Leiter Abdullah al-Ghadawi, Spezialist für Dialogveranstaltungen wird ebenfalls als Trainer mitarbeiten und das Projekt durch sein weitgefächertes Netzwerk unterstützen.
Journalist:innen mit Haltung

In den ersten Tage des Workshops dreht sich alles um Kennenlernen und Teambuilding. Wie macht man aus 15 Einzelpersonen ein Team; Insbesondere, wenn diese mit großer Sorgfalt auch danach ausgewählt wurden, dass sie ein möglichst breites Spektrum der syrischen Gesellschaft abbilden. Spielen hilft und natürlich diskutieren.
So bunt wie Syrien
In den folgenden Tagen werden dann die Grundlagen der journalistischen Arbeit und auch der Zusammenarbeit besprochen. Wie ist es mit der journalistischen Ethik? Was bedeutet Pressefreiheit? Wie gehen wir miteinander um?

Natürlich geht es um Journalist:innenausbildung, allerdings braucht der journalistische Neuanfang in Syrien Kolleg:innen, die nicht nur 1A Beiträge produzieren, sie müssen auch zuhören und sich in Menschen anderer Herkunft und mit anderer Erfahrung hineinversetzen können. Wie haben Sunnit:innen, Allawit:innen, Druz:innen und Christ:innen die 14 Jahre des Krieges und der Diktatur erlebt? Wie fühlen sie sich jetzt unter der neuen Regierung? Was verbindet sie miteinander und was muss passieren, dass sie in Zukunft gut zusammenleben können?

Gemeinsam erarbeiten wir Strategien für gute Berichterstattung, die bei den Leser:innen ankommt und finden Wege, Fake News und Desinformation zu entlarven und Hatespeech zu verhindern.
Zum Glück haben wir dafür Zeit: Drei Monate geht die Ausbildung und dann sollen die teilnehmenden ein Praktikum bei einem syrischen Medium machen, so wie es bei der Ausbildung an Journalistenschulen in Deutschland üblich ist. Für Syrien ist das etwas Neues.