Rückkehr mit gemischten Gefühlen. Sehr gemischten. Ich steige aus dem Zug. Seit Mitte Juli bin ich in den Semesterferien in Berlin und jetzt fahre ich das erste Mal wieder in die Stadt, in der ich studiere. Magdeburg nach der Wahl. Nicht freiwillig. Ich habe einen Termin bei der Ausländerbehörde. Also hatte ich keine andere Wahl.
Rückblick
Eigentlich war mein Plan gewesen, am Tag der Landtagswahl nach Magdeburg zu fahren un von dort zu berichten. Schließlich bin ich Praktikantin bei Amal News und alle Augen blickten auf Sachsen-Anhalt. Meine Chance. Ich machte mir zwar Sorgen wegen der Sicherheit, aber meine Bedenken waren nichts im Vergleich zu der Panik meiner Familie. Am Ende respektierte ich ihren Wunsch. Zumal eine Verwandte sich weigerte, mich zu begleiten, weil auch sie besorgt war. Also tat ich, was jede gehorsame Tochter tut. Vielleicht heirate ich eines Tages einen Mann, der bereit ist, mit mir Abenteuer zu bestehen.
Seit dem Wahlsieg der AfD ist die Panik gewachsen
So weiß ich nicht, was mich erwartet, als sich die Zugtüren öffnen. Ich bin auf alles gefasst und und beobachtete erstmal. Die Menschen wirken normal. Und ich gehe meinen ganz normalen Weg nach Hause. Als wäre nichts gewesen. Alles klar, mein Termin bei der Ausländerbehörde ist am nächsten Morgen.
Ich wache auf, ein schneller Kaffee und dann gehe ich, meine Unterlagen in der Tasche, erstmal zur Pressekonferenz im Landtag. Thema: „Schutz von Minderheiten in Sachsen-Anhalt“. Ganze 17 Minuten irre ich durch die Gänge, suche nach dem Raum der Pressekonferenz. Dann stehe ich plötzlich im Gang, wo die Fraktion der AfD ihre Büros hat.
Von all den Etagen und Gängen in diesem Gebäude verirre ich mich ausgerechnet hier? Mein Lieber!
Jetzt werde ich wirklich nervös. Meine Beine werden schneller, ohne dass dies beabsichtigt ist. Ich fühle mich wie in einem Super-Mario-Spiel. Zum Glück gelange ich in die Cafeteria und stoße dort auf eine freundliche Person. Er zeigt mir den Weg.
Es gibt gute Menschen
Aufatmen. Es ist ermutigend zu sehen, wie verschiedene Organisationen hier zusammenkommen und versuchen, die Menschen zu beruhigen. Die AfD hat die Wahlen gewonnen, aber das ist nicht das Ende. Ich entwickle eine leichten Optimismus, allerdings kann dieser den bohrenden Gedanken nicht ganz aus meinem Kopf verdrängen: Wo werden all diese Worte sein, wenn ich allein auf der Straße bin?
Mit Freundlichkeit gegen die AfD kämpfen
Ein Blick auf die Uhr. Ich habe reichlich Zeit bis zu meinem Termin bei der Ausländerbehörde. Trotzdem bestelle ich ein Uber, damit ich auf jeden Fall überpünktlich eintreffe. Wir sind keine 200 Meter gefahren, als uns ein Mann auf einem Fahrrad anhält, der einen Anhänger mit seinem Sohn darin zog. Er beschuldigt den Fahrer, ihm zu nahe gekommen zu sein, und besteht darauf, die Polizei zu rufen. Die Polizei kommt und geht, nachdem beide Seite zu Protokoll genommen wurden. Der Fahrer entschuldigt sich bei mir. Obwohl ich die Fahrt längst storniert habe, fährt er mich zur Ausländerbehörde.
Wieder Super Mario, aber diesmal im Auto
Ich komme an. Zehn Minuten zu spät. Ich zittere am ganzen Körper. Es ist das passiert, was ich unbedingt verhindern wollte. Eine Sicherheitsmitarbeiterin schaut mich an. Vielleicht werden sie dich nicht mehr drannehmen, sagt sie. Aber dann begleitet sie mich zum Schalter und macht sogar ein paar Witze, weil sie sieht, dass ich vor Panik zittere. Das hilft. Von nun an klappt alles ganz reibungslos. Ich komme noch dran. Die Sachbearbeiter sind nett.
Im Nachhinein frage ich mich: Waren sie freundlich, weil sie einfach so sind, oder versuchten sie auf ihre Weise, dem Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt etwas entgegenzusetzen? So oder so fühlte ich mich erleichtert.
Alles nicht so schlimm?
Am nächsten Tag, ich bin gerade dabei, mich auf den Weg zurück nach Berlin zu machen. Als ich in die Straßenbahn einsteige, klingelt mein Handy. Es ist eine Bekannte, die zu einer Gruppe ägyptischer Frauen in Magdeburg gehört. Sie will mich warnen: Eine Person ist vor wenigen Augenblicken in der Nähe eines Einkaufszentrums niedergestochen worden.
Mein erster Gedanke: Magdeburg, willst du mir doch nicht erlauben, in Ruhe weiterzumachen?
Ich bin kein ängstlicher Typ. Aber ich mache mir Sorgen, denke viel nach und beobachte. In den nächsten Monaten wird sich abzeichnen, wohin die Entwicklung geht. In Magdeburg und überhaupt.
So weiß man wenigsten, was die Leute denken
Rassismus ist nichts Neues. Leider. Und vielleicht ist es mir lieber, zu wissen, was der Mensch vor mir denkt, statt dass er es verbirgt. Dann weiß ich wenigstens, dass ihm meine Anwesenheit vielleicht nicht gefällt, so wie die Blicke, denen ich manchmal in der Straßenbahn begegne.
Aber ich weiß, warum ich hier bin. Und ich weiß, dass ich es verdiene, hier zu sein. Deshalb werde ich bleiben, auch wenn dir meine Anwesenheit hier nicht gefällt, bis ich meine Ziele erreicht habe. Danach werde ich gehen. Aber dann, wenn ich es will.
Text: Maram Abughanim