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Ferien im Krieg

© Valeriia Semeniuk/Amal News
© Valeriia Semeniuk/Amal News

Valeriia Semeniuk fährt in den Ferien mit ihrer Tochter von Berlin nach Kyjiw – trotz des Krieges und der Gefahr durch russische Raketen. In ihrer Kolumne schildert die Amal-Journalistin, warum sie und andere ukrainische Mütter ihre Kinder nach Hause bringen.

Warum fahre ich, obwohl ich meine Tochter vor dem Krieg in Berlin in Sicherheit gebracht habe, in Ferien mit ihr nach Kyjiw? Diese Frage höre ich oft – besonders von deutschen Bekannten, die meine Entscheidung nur schwer nachvollziehen können. Meistens antworte ich scherzhaft: „Zumindest ist unsere Metro in Kyjiw sicherer als die Berliner.“

Im Ernst gibt es für mich mehrere Gründe nach Kyjiw zu fahren: Dort lebt mein Mann und der Vater meiner Tochter. Dort ist meine Arbeit – denn ich schreibe auch Reportagen für den Tagesspiegel. Dort sind mein Zuhause und meine Freund:innen. Sie leben schließlich auch in Kyjiw. Und sie schaffen es sogar, sich am Leben zu erfreuen. „In den letzten zweieinhalb Jahren haben mein Mann und ich 200 Aufführungen gesehen. Das ukrainische Theater erlebt gerade eine unglaubliche Blüte“, erzählt mir eine Freundin.

Zwischen Telegram-Apokalypse und Alltag

Wenn man morgens in Berlin ukrainische Nachrichten durchscrolle, wirkt die Lage allerdings oft dramatischer, als wenn man selbst in Kyjiw ist: Reißerische Schlagzeilen wie „Die Stadt steht in Flammen“ oder „Die Kyjiwer haben die schlimmste Nacht seit Kriegsbeginn erlebt“ tauchen regelmäßig in Telegram-Kanälen auf.

Tatsächlich geht es oft um ein paar Häuserblocks oder einzelne Gebäude, die in der Nacht getroffen wurden. Manchmal liegen sie sogar am anderen Ufer des rund drei Millionen Einwohner:innen zählenden Kyjiw. Mein Mann, der in Solomjanka die ganze Nacht ruhig durchgeschlafen hat, erfährt dann ausgerechnet von mir von der „Apokalypse“.

Eine neue Realität

Doch in diesem August ist alles anders. Das Heulen der Luftschutzsirenen ertönt oft erst wenige Minuten vor den Explosionen, manchmal sogar erst danach. Ballistische Raketen lassen kaum Zeit zur Vorbereitung. Die ersten Nächte verbringen wir mit unserer Tochter im Keller unseres Hauses.

Katja verbringt die erste Nacht in Kyjiw im Keller.
Die erste Nacht in Kyjiw © Valeriia Semeniuk/Amal News

Irgendwann sind wir nur noch müde. Auf den Rat einer Freundin beschließen wir, uns auf einen gewissen Fatalismus zu verlassen – und auf die Regel der zwei Wände. Auch in der Nacht zum 20. August gehen wir nicht vorsorglich in den Schutzraum, obwohl Telegram-Kanäle vor einem möglichen massiven Angriff warnen. Geflüchtete, die in den Ferien nach Hause kommen, müssen ohnehin erst einen Platz im Keller des eigenen Hauses finden. Diejenigen, die dauerhaft in Kyjiw leben, haben Betten aufgestellt oder Matratzen mitgebracht.

Die ersten Explosionen sind gegen Mitternacht zu hören. Ich rufe meiner Tochter zu, sie solle sich in die Badewanne legen. Ich selbst sehe, wie sich von den Oberseiten der Schränke Staubflocken lösen. Im Halbdunkel kommen sie mir wie schwarze Schmetterlinge vor. Einige Bilder fallen von den Wänden. Am nächsten Morgen erzählt mir meine 13-jährige Katja, wie die Badewanne unter ihr schwankte. Wenn wir ehrlich sind, sind wir mit dem Schrecken davongekommen.

Erst nach den Explosionen laufen wir in den Schutzraum. Telegram-Kanäle warnen vor einem möglichen nächsten Angriff etwa eine Stunde später. Als Katja eingeschlafen war, bitte ich die Nachbar:innen, auf sie aufzupassen, und ging hinaus auf die Straße.

Der Krieg aus Sicht einer Mutter

In den Nachrichten hatte ich gesehen, dass ein Kinderkrankenhaus getroffen worden ist. Es liegt nur ein Haus von unserem entfernt. Das Krankenhaus ist von einem hohen Zaun umgeben. In der Dunkelheit kann ich den Eingang nicht finden und gehe weiter. Auf der Straße sind die Menschen erleichtert, dass „nur die Fensterscheiben zerbrochen“ sind. Dann höre ich plötzlich ich ein lang gezogenes Heulen. Und ich denke: So kann nur eine Mutter weinen, die ihr Kind verloren hat.

Eine Frau lehnt an eine Motorhaube und hält ein in eine Decke gewickeltes Tier.
Mutter des getöteten Sohnes © Valeriia Semeniuk/Amal News

Nicht weit entfernt steht eine Frau schweigend da. Sie lehnt an der Motorhaube eines Autos und drückt ein in eine Decke gewickeltes Tier an sich. Sie sieht aus wie eine ganz normale Nachbarin. „Haben Sie da eine Katze oder einen Hund?“, frage ich in der Dunkelheit, einfach um ein Gespräch zu beginnen. „Eine Katze“, antwortet sie abwesend. Dann fügt sie hinzu: „Die Frau, die weint, ist meine Mutter.“ Sie zeigt auf einen Sack, der neben ihr auf dem Boden liegt. „Und da ist mein Sohn. Mein einziger.“ Er hieß Schenja. Er war 29 Jahre alt.

Er habe immer gesagt: „Mama, Kyjiw ist doch eine riesige Stadt. Ja, es ist eine Lotterie. Aber die meisten Menschen werden trotzdem überleben. Man kann doch nicht jede Nacht in den Keller rennen.“ Ich umarme diese Frau, die voller kaltem Schweiß war. Schweigend denke ich an meinen 21-jährigen Sohn. Auch er ist in diesem Sommer für die „Ferien“ in Kyjiw und hat kein einziges Mal den Keller aufgesucht. Als er mich beruhigen wollte, sagte er fast dasselbe wie Schenja.

Der Preis der Zerstörung

Am nächsten Morgen gehe ich zum Kinderkrankenhaus. Es stellt sich heraus, dass zwei russische Raketen etwa hundert Meter davon entfernt in einem Wirtschaftsgebäude des Krankenhauses eingeschlagen sind. Das Gebäude ist völlig zerstört: Betontrümmer und Platten waren direkt in den Keller gestürzt. Im Krankenhaus selbst sind fast alle Fenster zerbrochen. Die Kinder wurden wie durch ein Wunder nicht verletzt.

Trümmer einer russischen Iskander-Rakete im Hof des Kinderkrankenhauses
Trümmer einer russischen Iskander-Rakete im Hof des Kinderkrankenhauses © Valeriia Semeniuk/Aml News

Auf dem Boden liegen die Trümmer einer Iskander-Rakete. Ein Mann nimmt Teile in die Hand und erklärt Kindern, um welches Bauteil es sich handelt und warum beim Aufprall der Draht gerissen ist, der die Schrauben zusammenhielt. Wie sich herausstellt, hatte Oleksandr früher in einem Unternehmen gearbeitet, das mit der Atomindustrie verbunden war.

„Was meinst du, wie viel so eine Rakete kostet?“, fragt Oleksandr seinen Sohn. „Eine halbe Million Dollar?“, vermutet der Junge. „Mehr“, antwortet der Vater. „Von diesem Geld hätten die Russen Gasleitungen irgendwo in Chanty-Mansijsk verlegen können, wo die Menschen ihre Häuser bis heute mit Holz heizen. Stattdessen produzieren sie Raketen.“

Oleksandr zeigt seiner Tochter ein Fragment einer Iskander-Rakete.
Oleksandr zeigt seiner Tochter ein Fragment einer Iskander-Rakete © Valeriia Semeniuk/Amal News

Zwischen zwei Ländern

Ich frage Oleksandr, wie sehr der Krieg seiner Meinung nach Kinder traumatisiere. „Meine sind hoffentlich nicht so schwer traumatisiert wie die Kinder, die ständig hier leben. Meine Kinder wohnen in Bonn und sind nur in den Ferien hierhergekommen.“ Wir werden sofort, wenn nicht Freund:innen, dann zumindest Leidensgenossen.

In der Nähe ihres Hauses waren in dieser Nacht ebenfalls Einschläge zu hören gewesen – nur wenige hundert Meter entfernt. Auch diese Familie fährt „zu Papa“. Allerdings kommen wir in allen Ferien, während Dina mit dem neunjährigen Danja und der achtjährigen Eva nur einmal im Jahr nach Kyjiw reist: in den Urlaub, den das Jobcenter erlaubt. Auch sie wird ständig gefragt, warum sie ihre Kinder in den Krieg schleppe.

„Unsere Familie ist getrennt, aber wir halten durch“, sagt Dina. „Ich bin Deutschland für alles sehr dankbar. Aber es fällt uns dort schwer. Wir sind ja nicht aus freiem Willen dorthin gegangen.“ In den ersten anderthalb Jahren habe ihr Sohn jede Nacht im Schlaf geweint und „Papa! Papa!“ gerufen.

Eine Frau, ein Mann und zwei Kinder stehen in Kyjiw.
Dina mit den Kindern und ihrem Mann © Valeriia Semeniuk/Amal News

Dina glaubt, dass es für diejenigen etwas leichter sei, die für sich bereits entschieden haben, in Deutschland zu bleiben – auch nach dem Krieg. „Vor allem Familien, die zusammen mit Vätern und Männern ausgereist sind“, sagt sie. „Sie schwanken nicht ständig hin und her.“

All die Jahre lebte Dina mit der Hoffnung zurückzukehren. Mehrmals war sie kurz davor. Schließlich waren die Angriffe auf Kyjiw früher weniger intensiv als heute.

Auch ich dachte mehr als einmal daran, endgültig zurückzukehren. Doch die Angst hielt mich zurück, den März 2022 noch einmal durchleben zu müssen: wieder in Panik aufzubrechen, einen Zug zu stürmen und anschließend noch einmal ein Leben von null beginnen zu müssen.

Ungewisse Zukunft

Trotzdem bleibt die Rückkehr eine Möglichkeit. Auch weil meine Tochter sehr darauf besteht. Dieses Mal fährt Katja wenige Tage nach dem Beschuss los, um sich eine Hochschule anzusehen, an der sie später studieren möchte. Für sie steht außer Frage, nicht in der Ukraine zu studieren.

Ein Mädchen sitzt in einem Keller.
Tochter Katja im Keller © Valeriia Semeniuk/Amal News

Ich unterstütze sie darin – und hoffe sehr, dass es möglich sein wird. Aber im Moment wissen weder ich noch meine neue Bekannte aus Bonn, ob wir in den nächsten Ferien wieder mit unseren Kindern nach Kyjiw kommen werden. „Wir werden uns die Lage anschauen. Ich möchte nicht, dass die Kinder so etwas noch einmal erleben“, sagt Dina.

Im Bus nach Deutschland sind diesmal ungewöhnlich viele Kinder. Einige kehren nach den Ferien zurück. Die meisten fahren zum ersten Mal. Ihre Mütter haben aus ganz unterschiedlichen Gründen mehr als vier Jahre durchgehalten. Doch in diesem Sommer kauften sie Tickets für den Bus „Kyjiw – Koblenz“.

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