Sieben Monate, mehr als 200 Bewerbungen und über 50 Wohnungsbesichtigungen: Die Suche nach einer Wohnung in Berlin wurde für unsere Autorin Zahra Nazari zu einem zermürbenden Wettlauf. Zwischen Absagen, überfüllten Besichtigungen und ständig neuen Bewerbungen blieb am Ende nur eine Frage: Wann bekomme ich endlich einen Schlüssel?
Als Hausmeister mir den Schlüssel in die Hand gab, war mein erstes Gefühl keine Freude, sondern Erleichterung. Endlich hatte ich etwas erreicht, wofür ich monatelang gekämpft hatte. Ich habe Hunderte Bewerbungen verschickt, Absagen per E-Mail erhalten, Dutzende Wohnungen besichtigt und immer wieder gehofft, dass ich diesmal an der Reihe sein würde. Jetzt hielt ich den Schlüssel in der Hand. Ich konnte kaum glauben, dass diese lange Suche endlich vorbei war.
Aber dann passierte etwas Seltsames: Ich konnte mich kaum daran erinnern, wie die Wohnung eigentlich aussah. In den vergangenen Monaten hatte ich manchmal zwei oder drei Besichtigungen an einem Tag. Ich fuhr von einem Bezirk in den nächsten und verbrachte jeweils nur ein paar Minuten in einer Wohnung, die vielleicht mein zukünftiges Zuhause sein würde. Es waren so viele Wohnungen, dass manche von schon kurz daraus aus meinem Gedächtnis verschwanden. Um eine ganz normale Wohnung zu finden, habe ich sieben Monate gebraucht.
Eine E-Mail, die ich nicht glauben konnte
Im Januar 2026 begann ich mit der Suche. Zunächst wollte ich, wie wahrscheinlich viele Wohnungssuchende, ein Viertel finden, das möglichst nah an meinem Arbeitsplatz liegt und gleichzeitig gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist. Doch schon bald wurde mir klar: In Berlin kann man sich nicht immer aussuchen, wo man wohnen möchte. Irgendwann geht es nicht mehr um die ideale Wohnung, sondern darum, überhaupt eine Wohnung zu finden.
Also änderte ich meine Strategie. Ich suchte nicht länger nach der perfekten Wohnung, sondern nach einer, deren Bedingungen für mich akzeptabel waren. Am Anfang las ich die Anzeigen sorgfältig, prüfte die Voraussetzungen und freute mich über jeden Besichtigungstermin . Ich dachte: Vielleicht ist es dieses Mal soweit. Nach jeder Besichtigung prüfte ich immer wieder meine E-Mails. Je mehr Absagen kamen, desto routinierter wurde meine Suche. Ich bereitete meine Unterlagen vor, bewarb mich, sobald eine neue Anzeige veröffentlicht wurde und wartete nach den Besichtigungen nur noch auf das Formular, um es direkt vor Ort auszufüllen.
Dann sah ich eines Tages zwischen all den alltäglichen E-Mails eine Nachricht, die ich zunächst kaum glauben konnte: Ich hatte einen Termin zur Vertragsunterzeichnung bekommen. Es war die erfreulichste E-Mail, die ich in meiner Zeit in Deutschland erhalten habe. Ich konnte es nicht glauben. Ich kopierte den Text in Google Translate, um sicherzugehen, dass ich ihn richtig verstanden hatte. Bis zur Vertragsunterzeichnung erzählte ich niemandem davon. Nach Monaten voller Enttäuschung wollte ich sicher sein, dass es tatsächlich geklappt hatte.
Drei Besichtigungen an einem Tag
In diesen sieben Monaten probierte ich fast alles aus, von dem ich mir Hilfe versprach: Apps, verschiedene Wohnungsplattformen und auch Xenion, einer Organisation, die politische Verfolgte bei der Wohnungssuche berät. Regelmäßig suchte ich auf der Website „In Berlin Wohnen“ nach neuen Anzeigen. Ich nutzte HWS und ImmoScout. Schließlich aktivierte ich sogar ImmoScout Plus und zahlte dafür rund 20 dabei tatsächlich eine Rolle spielte, weiß ich bis heute nicht. Damals war ich allerdings bereit, jeden möglichen Weg auszuprobieren.
An manchen Tagen hatte ich drei Wohnungsbesichtigungen. Einmal in einem Bezirk und dann wieder in einem völlig anderen Teil Berlins. Manchmal lag zwischen zwei Terminen mehr als eine Stunde. Ich war müde und gereizt. Manchmal fragte ich mich, ob das Problem vielleicht bei mir lag. Vielleicht fand ich einfach keine Wohnung, weil ich irgendwas falsch machte.
Doch dann fiel mir bei mehreren Besichtigungen etwas auf: Ich sah bekannte Gesichter. Es waren Menschen, denen ich schon bei einer anderen Besichtigung begegnet war. Da verstand ich, dass ich mit meiner Situation keineswegs allein war. Viele Menschen gehen denselben Weg: von einer Anzeige und Besichtigung zur nächsten. Immer in der Hoffnung, dass es diesmal klappen würde.
Mehr als 200 Bewerbungen für eine Wohnung
Wie viele Bewerbungen ich insgesamt verschickt habe, weiß ich nicht mehr genau. Wenn ich allerdings die Tage zusammenzähle, an denen ich mehr als fünf Bewerbungen pro Tag verschickte, dann komme ich vermutlich auf mehr als 200. Mehr als 50 Wohnungen habe ich in dieser Zeit besichtigt. Manchmal dachte ich, dass all die Zeit, Energie und Wege, die ich investiert hatte, am Ende nur zu einem einzigen Ergebnis geführt haben: einer Wohnung.
Meine Erfahrungen aus Afghanistan ließen mich den Unterschied zwischen den beiden Märkten stärker spüren. Dort kann man sich an einen Immobilienvermittler wenden, mehrere Wohnungen ansehen und am Ende eine auswählen. In Berlin fühlte sich die Suche für mich eher wie ein Wettbewerb an – nicht um die schönste Wohnung, sondern um die Chance, überhaupt eine Auswahl zu haben. Irgendwann wollte ich keine Traumwohnung mehr. Ich wollte einfach einen Ort finden, an dem ich leben konnte. Sieben Monate dauert es, bis das schließlich gelang.
Warum ist es so schwer, in Berlin eine Wohnung zu finden?
Meine Erfahrung ist nicht nur eine persönliche Geschichte. Der Berliner Wohnungsmarktbericht 2026 von CBRE und Berlin Hyp zeichnet ebenfalls das Bild eines angespannten Wohnungsmarktes. Das Angebot an Mietwohnungen bleibt dem Bericht zufolge auf niedrigem Niveau. Die durchschnittlichen Angebotsmieten lagen 2025 bei rund 15,80 Euro pro Quadratmeter. Gleichzeitig hat sich das Mietwachstum im Vergleich zu den Vorjahren zwar verlangsamt, das grundlegende Problem besteht jedoch weiter.
Auch die offiziellen Zahlen Berlins zeigen, dass der Mietmarkt weiter unter Druck steht. Die Berliner Landesregierung veröffentlichte im Mai 2026 einen neuen Mietspiegel. Er basiert auf rund 17.000 Mietdaten und gilt für etwa 1,6 Millionen Wohneinheiten. Meine siebenmonatige Suche lässt sich nicht einfach mit Pech oder einem zu späten Start erklären. Wenn das Angebot begrenzt und die Nachfrage hoch ist, kann die Wohnungssuche für Interessenten zu einem langen und zermürbenden Prozess werden.
Und vielleicht ist das der Grund, warum ich, als ich endlich den Schlüssel bekam, das Gefühl hatte, nicht nur eine Wohnung gefunden zu haben. Es war, als hätte ich nach sieben Monaten einen langen Wettlauf beendet.