Sachsen-Anhalt verliert junge Frauen – und diskutiert zugleich über traditionelle Rollenbilder. Unser Autor Abdullah Alqaseer fragt sich, was das für die Zukunft des Bundeslandes bedeutet.
An einem Morgen fand ich in meinem Briefkasten ein Flugblatt mit einem provokanten Titel: „Ein Leben lang Windeln wechseln?“. Auf den ersten Blick unterschied es sich nicht von den Dutzenden Zetteln, die sich in den Briefkästen stapeln, wenn in Sachsen-Anhalt Wahlen näher rücken. Zunächst verstand ich nicht jedes Wort auf dem Flugblatt. Aber ich verstand genug, um beunruhigt zu sein.
Das Flugblatt der Initiative Revision26 aus Halle kritisiert deutlich die Politik der AfD gegenüber Frauen. Es geht um Familie, Arbeit, Pflege, Migration und Gewalt. Auf den ersten Blick hätte man es leicht als eine weitere politische Stichelei in einer Wahlsaison verstehen und dann beiseitelegen können.
Doch beim sechsten Punkt ließ mich eine kleine Zahl stutzen: 117 Männer auf 100 Frauen unter unter 30Jährigen in Sachsen-Anhalt. Diese Zahlen beruhen auf Daten des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt. Sie wirken kühl, bis man versucht, sie sich vorzustellen.
Siebzehn Männer mehr
100 Frauen und 117 Männer. 17 Männer mehr – ein sogenannter Männerüberschuss. Ich kenne ihre Namen nicht. Ich weiß nicht, wo sie leben. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt nach Partner:innen suchen. Aber diese Zahl ließ mich zum ersten Mal über Einsamkeit als demografische Möglichkeit nachdenken, nicht nur als individuelles Gefühl.
Der relative Rückgang junger Frauen könnte eine der Entwicklungen sein, die auch junge Männer in Sachsen-Anhalt beunruhigen sollten. Denn manche Regionen entwickeln sich, wenn auch sehr langsam, zu Orten mit einem deutlichen Männerüberschuss.
Ich nahm das Flugblatt noch einmal zur Hand. Ich nutzte einen Übersetzer auf meinem Handy, um das zu ergänzen, woran meine Deutschkenntnisse scheiterten.
Ein glückliches Leben
Das Flugblatt kritisiert das stark konservative Familienbild der AfD. Es beschreibt die Rolle der Frau im Wesentlichen über das Gebären und die Betreuung von Kindern und später über die Pflege älterer Menschen – als ließen sich diese Rollen von ihrer wirtschaftlichen und beruflichen Unabhängigkeit trennen.
Zweifellos sehen die Anhänger:innen dieser Vorstellung darin die Wiederherstellung einer gesellschaftlichen Rolle, von der sie glauben, dass Staat und Markt sie jahrzehntelang vernachlässigt haben. Sie wollen die Familie vor wirtschaftlichem Druck schützen, der Frauen aus ihrer Sicht eine doppelte Last aus Arbeit und Fürsorge auferlegt hat. Die Beweggründe dieser Logik lassen sich auch ohne Zustimmung nachvollziehen. Doch diese Last zu lösen, indem man Frauen in traditionellere Rollen zurückdrängt, ähnelt dem Versuch, einen Verkehrsstau zu lösen, indem man eine Fahrspur schließt.
Und diese Logik wirft noch unangenehmere Fragen auf. Wir sprechen von einem Bundesland, das bereits unter der Abwanderung junger Frauen leidet. Gleichzeitig sprechen wir von einem politischen Diskurs, der ihnen ein traditionelleres Bild ihrer Rolle in der Gesellschaft anbietet. Macht das den Verbleib hier für sie attraktiver? Oder könnte es genau in die entgegengesetzte Richtung wirken?
Zurück zu den Werkseinstellungen
Gerade hier in Ostdeutschland bekommt die Frage eine besondere Bedeutung. Denn Frauen im Osten haben eine lange Geschichte starker Präsenz auf dem Arbeitsmarkt und relativer wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Über Jahrzehnte war die Erwerbsarbeit von Frauen hier ein selbstverständlicher Teil des Alltags – und damit auch ihres Selbstbildes und ihres Verständnisses von ihrem Platz in der Gesellschaft. Sie war weder eine Ausnahme noch ein parteipolitisches Privileg.
Wie kann ein Parteidiskurs heute von ihnen verlangen, sich davon zurückzuziehen? Wie kann er ihnen und allem, was sie erreicht haben, sagen: Danke, wir haben heute ein politisches Update für das System. Bitte zurück zu den Standardeinstellungen?
Konkurenz durch andere Städte
Natürlich wäre es eine grobe Vereinfachung, die Abwanderung junger Frauen aus Sachsen-Anhalt allein mit dem politischen Diskurs zu erklären. Universitäten, Arbeitsplätze, Löhne, die größere Auswahl in Großstädten und die Lebensqualität greifen bei einer so komplexen persönlichen Entscheidung ineinander. Doch das macht die Frage nicht weniger relevant.
Wenn das Bundesland ohnehin mit Berlin, Leipzig und Städten im Westen um seine jungen Menschen konkurriert: Ist es dann klug, jungen Frauen eine Zukunftsvorstellung anzubieten, die enger wirkt als das Leben, das sie anderswo finden können?
Das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass Männer vielleicht keine Frauen finden, die sie heiraten können. Das wäre paradoxerweise nur eine weitere Art, Frauen durch unsere eigene Bedürftigkeit zu betrachten.
Eine Katastrophe in bequemen Raten
Das tiefere Problem ist, dass eine Stadt, die ihre jungen Frauen verliert, etwas über sich selbst aussagt. Etwas, das sie nicht laut aussprechen muss. Wenn sich kleine individuelle Entscheidungen tausendfach wiederholen, werden sie zu Zahlen in Tabellen der Demografie.
Ich dachte daran, dass Städte sich nicht auf einmal leeren. Wir wachen nicht eines Morgens auf und stellen fest, dass alle gegangen sind. Es geschieht langsam. Es beginnt mit einem leeren Platz an der Universität, einer Angestellten, die in einer anderen Stadt Arbeit gefunden hat, einer jungen Frau, die nach dem Abschluss nicht zurückgekehrt ist und mit einer Familie, die hier hätte beginnen können und stattdessen anderswo entstanden ist.
Irgendwann wird das demografische Ungleichgewicht zu einer Frage für die ganze Gesellschaft: auf dem Arbeitsmarkt, bei Familiengründungen, in Beziehungen und in den Dörfern und Städten in zwanzig Jahren. Hier zeigt sich ein Widerspruch, den man nur schwer übersehen kann. Denn über den Schutz der Familie zu sprechen, setzt zunächst voraus, dass es eine junge Generation gibt, die ihre Zukunft hier sieht – und nicht anderswo.
Ich faltete das Flugblatt wieder zusammen. Meiner Meinung nach hätte es in Form einer Windel gestaltet werden müssen. Ich legte es auf den Tisch und betrachtete noch einmal das Bild der Frau auf dem Titel. Eine von einer Künstlichen Intelligenz erzeugte Frau, die nichts von Statistiken oder von Parteien und ihren Konflikten weiß. Und die Zahl blieb in meinem Kopf: 117 zu 100.
Deshalb stellen wir die Frage nach Migration in Sachsen-Anhalt vielleicht manchmal falsch. In der politischen Debatte von heute hören wir oft Formulierungen, die die Anwesenheit von Migrant:innen als Bedrohung darstellen. Wer hat das Recht zu bleiben? Und wer sollte gehen?
Doch die Zahl, die vor mir blieb, führte mich zu einer anderen Frage: Wer will eigentlich noch bleiben?
Text: Abdullah Alqaseer