Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Ausbildung an der Amal News Journalistenschule. Jafaar Chaddour hat ihn im Anschluss an den Ausflug der Auszubildenden zum Nationalmuseum verfasst.
Sobald man das Nationalmuseum in Damaskus betritt, scheint die Zeit stillzustehen und nimmt einen mit auf eine Reise voller mysteriöser Details. Die Säle mit Skulpturen, Vitrinen voller geprägter Münzen und Gemälde an den Wänden erzählen von Zivilisationen, die hier vorbeizogen und ihren Aufschrei im Stein hinterließen.
Ich besuchte das Museum mit meinen Kolleg:innen von der Amal News Journalistenschule in Damaskus und er war begleitet von lauten Stimmen und fröhlichen Gelächter. Dieser Lärm verdeckte die Details, die sich nur in der Stille erzählen. Doch die eigentliche Reise begann, als Ruhe einkehrte und wir die ehrfurchtgebietenden Stufen hinabstiegen. Unten liegt die Dunkelheit des Grabmals von „Jarchai ibn Barbakki, dem Palmyrener“, oder dessen, was „Haus der Ewigkeit“ genannt wird. Diesen Namen gaben die Palmyrener ihren unterirdisch errichteten Gräbern im 2. Jahrhundert n. Chr., um ihren Glauben an ein Leben nach dem Tod auszudrücken.
Er war reich und ließ es sich anmerken
„Jarchai“ war einer der Söhne der wohlhabenden Schicht der palmyrenischen Gesellschaft. Dieser Wohlstand zeigt sich deutlich an den Grabfassaden. Es sind Büsten mit jugendlichen Gesichtszügen, die für Menschen unter dreißig Jahren gemeißelt wurden. Sie tragen alle Details ihrer Besitzer, darunter kostbare Ohrringe und luxuriöse Gewänder, die mit ihnen begraben wurden. Neben dem fortgeschrittenen architektonischen Verständnis, das die Gräber in einem einzigen Innenraum anordnet und so Platz für viele Familienmitglieder schafft, spiegelt das Grabmal den hohen wirtschaftlichen Rang seiner Besitzer wider. Sein Bau erforderte enorme finanzielle Mittel und hohe künstlerische Fertigkeit. Man erkennt sie in jenem kalksteinernen Gesicht, das einen mit einem „ewigen“ Blick ansieht, der den Tod mit Geld und Ansehen besiegen wollte.
Wie konnte aus diesem glorreichen Palmyra später das bluttriefende Palmyra werden?
Vor diesem „Haus der Ewigkeit“ wagte ich stille Hypothesen. Würde ein Tyrann dieses Haus besuchen, würde er wohl glauben, er verfüge über Leben und Tod. Würde ein Intellektueller es besuchen, würde er sich fragen, welchen Platz er darin hätte. Würde ein einfacher Mensch es besuchen, könnte er meinen, er könne darin leben, weil er sich mit „dem Zugemessenen“ zufriedengibt. Und die Kriegsherren – wozu wären sie fähig, damit die Menschen des Ostens jede Nacht in ihrem Blut schwimmen! Hier entsteht das Paradox: Wie konnte Palmyra mit all seiner historischen Größe in unserem heutigen Gedächtnis zu einem Symbol des Gefängnisses werden? Oder zu einer Erinnerung an den Kopf des Archäologen Chalid al-Asaad, der die Geschichte bewachte und ihretwegen brutal vom IS getötet wurde? Oder zu einer Vergegenwärtigung Zenobias, wie sie, in Ketten gefesselt, in einem Käfig durch die Straßen geführt wird, nachdem sie nach einem Ruhm gestrebt hatte, der der Macht der Römer nicht standhielt? Ich für meinen Teil kenne die Antwort nicht. Aber ich glaube, dass jeder von ihnen seine Ewigkeit hatte, die er wollte. Unterbrochen wurden diese Gedanken nur vom Flüstern eines Museumsmitarbeiters an meine Kollegin Timaa. Es war, als lese er meine Gedanken. Dabei wies er auf das jüngste Interesse der Syrer hin, das Grabmal zu besuchen. Denn heute gehen viele von uns zu den Gräbern, nicht um Geschichte zu betrachten, sondern um an geliebte Menschen zu erinnern, die verschwunden sind. Sie schreiben die Trauer unter der Erde fest, als wäre sie ein Ritual unserer Identität.
Schuhe unterm Kopf – falls der Tote aufersteht
Vielleicht kennen diese Besucher heute jenen alten palmyrenischen Refrain nicht: „Legt seine Sandalen unter seinen Kopf, vielleicht wacht er mitten in der Nacht auf“; ein Satz, geformt aus lauter Eleganz, damit der Tote nicht barfuß geht, wenn er erwacht. Doch der Unterschied zwischen gestern und heute ist groß. Der Tod ist in unserem Land nicht elegant, und das Warten ist lang. Viele wie ich wollen nur hinaus ins Licht. Und das Licht wird nicht in die Dunkelheit der Gräber eindringen, solange die Lebenden nicht zuerst beschließen, sie zu verlassen.
Text: Jafaar Chaddour
Übersetzung: Amal Editor