Die Initiative Helpchain aus Herford in Nordrhein-Westfalen hat den ersten Platz in der Kategorie „Wohltäter des Jahres – Nichtregierungsorganisation“ beim internationalen Wettbewerb „Wohltätiges Deutschland für die Ukraine – 2025“ belegt. Amal News traf in Kyjiw den Gründer und Leiter von Helpchain e.V., Eugen Laschinski um zu sehen, wie die Kette internationaler Hilfe funktioniert.
Am Stadtrand von Kyjiw steht neben dem Keller eines großen Wohnkomplexes ein riesiger deutscher Sattelzug. Im Inneren befinden sich eine medizinische Ausrüstung, Technik, Medikamente und Kleidung – eine Sammelladung mehrerer europäischer Hilfsorganisationen. Ein Teil der Lieferung schafft es nicht einmal ins Lager. Zwei bärtige Männer laden Feuerlöscher und Schmerzmittel in ihr Fahrzeug. Es hat offensichtlich schon viele schwierige Strecken hinter sich.

Im Inneren kleben Abzeichen verschiedener ukrainischer Brigaden. Alle Abzeichen seien ein Zeichen großer Dankbarkeit, erzählen die Männer stolz. Jedes erinnere an eine Fahrt, eine Einheit oder eine Begegnung. Die beiden arbeiten mit Wohltätigkeitsorganisationen aus mehreren europäischen Ländern zusammen. Besonders wichtig sei dabei die Unterstützung aus Deutschland. „Ich würde sagen, etwa 60 Prozent der Dinge, die wir für den Frontalltag und an den Stabilisierungsstellen brauchen, bekommen wir aus Deutschland“, sagt ein Vertreter der Kyjiwer Wohltätigkeitsstiftung Edelweiß.
Neben dem Sattelzug findet eine ungewöhnliche Art des Tauschs statt. Die Freiwilligen nehmen Feuerlöscher und Medikamente mit. Eugen Laschinski erhält dafür leere Metallhülsen von Munition. Auf ihnen stehen die Worte „Ruhm den Streitkräften der Ukraine“. Schüler:innen einer Kyjiwer Schule haben die Hülsen im Petrykiwka-Stil bemalt. Die Souvenirs gehen mit nach Deutschland. Ein Partner des Helpchain-Netzwerks in Berlin will sie bei einer Wohltätigkeitsauktion versteigern. Der Erlös soll wieder der Ukrainehilfe zugutekommen.

„Ich habe schon früher wie in zwei Ländern gelebt“
Für Eugen Laschinski ist die Fahrt nach Kyjiw längst Routine. Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine ungefähr ist dies seine 60. Reise in das Land. Normalerweise fährt er mit einem kleinen Kleinbus, voll beladen mit humanitärer Hilfe. Diesmal führt die Route über Lwiw und Kyjiw, anschließend nach Odesa und weiter nach Moldau. Von Chișinău geht es schließlich mit Flugzeug zurück nach Berlin.
Auch dieses Mal kehrt sein Fahrtzeug nicht nach Deutschland zurück. Das ist für ihn eine gewohnte Logistik: mit einem Verkehrsmittel ankommen und den Rückweg anders organisieren. Jedes Fahrtzeug wird selbst Teil der humanitären Hilfe für die NGO „Butscha ungebrochen“. Insgesamt, erzählt Laschinski hat seine Organisation bereits mehr als hundert Fahrzeuge in die Ukraine gebracht hat – hinzu kommen mehrere Feuerwehr- und Krankenwagen.

Laschinski hat einen deutschen Pass und lebt seit seiner Kindheit in Nordrhein-Westfalen. Seine Familie zog von Berdjansk dorthin, als er zehn Jahre alt war. Die Verbindung zur Ukraine ist dennoch nie abgerissen. „Ich habe viele Freunde in der Ukraine. Ich habe schon früher wie in zwei Ländern gelebt – in der Ukraine und in Deutschland“, sagt er.
Nach dem 24. Februar 2022 erhielt er Nachrichten von Freund:innen, die den Verteidigungskräften beigetreten waren. Einige von ihnen starben später. Gleichzeitig kamen Tausende Ukrainer nach Deutschland. Sie brauchten Unterkünfte, Transport, Kommunikationsmöglichkeiten und Unterstützung im Alltag.
Von privater Hilfe zu Helpchain
Laschinski stellte deshalb bereits in den ersten Kriegswochen seine eigenen Angelegenheiten zurück. An Bahnhöfen in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens empfing er Ukrainer:innen und brachte sie in Unterbringungszentren. Zunächst war das keine Organisation, sondern eher eine informelle Gruppe aus Freund:innen und Bekannten, die Autos hatten und helfen wollten. Sie setzen ihre eigenen Ersparnisse ein und sammelten Spenden von Deutschen, deren Hilfsbereitschaft in den ersten Monaten des Krieges enorm war.

Bald wurde klar, dass daraus eine dauerhaft Struktur entstehen musste. „Einerseits hatte ich viele Verbindungen zu Menschen, die bereit waren zu helfen. Andererseits war es mir wichtig zu wissen, wohin jeder Euro geht, und dass jeder Euro für die Ukraine so sinnvoll wie möglich ausgegeben wird“, erklärt Laschinski. 2022 gründete er im nordrhein-westfälischen Herford Helpchain e.V. „Am Anfang habe ich Organisationen, die einen ganzen Sattelzug füllen konnten, wie Götter angesehen“, erinnert er sich. „Und heute haben wir bereits Hunderte Sattelzüge geschickt. Insgesamt mehr als zweitausend Tonnen humanitärer Hilfe.“
Das deutsche Netz der Hilfe
Helpchain verfügt über fünf eigene Lager in verschiedenen Regionen Deutschlands. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis sieht Laschynskyj jedoch im Partnernetzwerk dahinter. Er selbst nennt es ein „Spinnennetz“ aus Organisationen, Unternehmen und privaten Spender:innen.
Schließt beispielsweise in Bayern ein Krankenhaus und bleiben dort Betten oder medizinische Geräte übrig, kann diese Information bei Helpchain landen. Ist es schwierig, eine Ladung aus Herford abzuholen, springt eine Partnerorganisation in aus der Region ein an.
Manchmal schicken Partner selbst einen Sattelzug in die Ukraine. In anderen Fällen werden die Hilfsgüter zunächst in eines der Helpchain-Lager gebracht, dort sortiert und mit Lieferungen aus anderen Städten zusammengeführt. „Mir schreiben jeden Tag Menschen aus ganz Deutschland: Wir haben dies oder das, kommen Sie und holen Sie es ab. Ich schaffe es körperlich nicht, alles selbst zu machen, deshalb gebe ich die Kontakte an Partner weiter“, sagt Laschinski.

Auch die Feuerlöscher gelangten so nach Kyjiw. Denn in Deutschland müssen Unternehmen die Geräte regelmäßig prüfen und austauschen. Statt die noch voll funktionsfähigen Feuerlöscher zu entsorgen, werden sie an Wohltätigkeitsorganisationen übergeben. Ähnlich funktioniert es auch mit Büromöbeln, Krankenhausbetten und medizinischen Geräten. Arztpraxen geben Ausstattung ab, wenn ihre Besitzer in Rente gehen. Fabriken spenden Decken und Kissen, deren Verpackung kleine Mängel aufweisen. Privatpersonen räumen Garagen und Keller.
Helpchain sammelt all das, prüft und sortiert die Sachspenden und sucht anschließend nach konkreten Empfängern in der Ukraine. „Wir geben alles weiter, was man sich vorstellen kann und was für das Alltagsleben, Krankenhäuser oder Schulen gebraucht wird. Alles außer Waffen“, sagt Laschinski. Finanzielle Spenden seien inzwischen deutlich schwieriger zu sammeln als in den ersten Monaten des Krieges. Doch Helpchain ist in verschiedenen Regionen Deutschlands bereits bekannt geworden. Manchmal erhält die Organisation statt Geld genau das, was sie sonst für Zehntausende Euro kaufen müsste.
Laschinski betont, dass viele Deutsche aus Überzeugung helfen. Gleichzeitig sei die Zusammenarbeit für manche Spender:innen auch praktisch: Dinge, die in Deutschland nicht mehr gebraucht werden, können in der Ukraine dringend benötigt werden. „Und eigentlich ist an einer solchen Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren, nichts Schlechtes“, sagt er.
Von der Logistik zu konkreten Projekten
Mit der Zeit entwickelte sich Helpchain von einer reinen Logistikinitiative zu einem Netzwerk verschiedener humanitärer Projekte. Eines davon sind mobile Zahnarztpraxen, in denen Ärzte Soldat:innenn in Frontnähe kostenlos behandeln. In Cherson arbeitet eine mobile Bäckerei des Projekts „Brot für Cherson“, in Mykolajiw eine stationäre. In Lwiw bauen Partner Ladestationen für das Militär. Insgesamt setzt Helpchain nach eigenen Angaben 16 humanitäre Initiativen um.

Nach dem Entladen des Sattelzugs fährt Laschinski zur Kyjiwer Stadtverwaltung. Eine ukrainische Tierschutz-Freiwillige hat ihn zu einem Treffen eingeladen. Ihre Organisation wird von Helpchain unter anderem mit Tierfutter unterstützt. Am Eingang wartet außerdem ein Vertreter des ukrainischen Militärnachrichtendienstes HUR auf Laschinski. Er bringt eine Dankesurkunde und ein Übergabeprotokoll mit, das den Erhalt von Büromöbeln bestätigt. Auch diese Möbel sind Teil des deutschen Hilfsnetzwerks. Manche deutsche Unternehmen erneuern ihre Büros alle fünf Jahre und geben gut erhaltene, aber nicht mehr benötigte Ausstattung ab. Für Helpchain wird daraus konkrete Hilfe für ukrainische Organisationen.

Eugen Laschinski besitzt seit vielen Jahren einen deutschen Pass. Für ihn widerspricht das jedoch nicht seiner ukrainischen Identität. Er unterscheidet zwischen der Staatsangehörigkeit und dem Gefühl, Ukrainer zu sein. „Nicht die Staatsangehörigkeit im Pass macht einen Ukrainer aus. Man muss die Ukraine lieben. Und ihr seine Energie, seine Kraft geben. Dann bist du Ukrainer“, sagt er.