Skip to main content

Einblicke durch die Kamera

© Rita Mahlis/Amal News
© Rita Mahlis/Amal News

Zehn Fotografinnen, zehn Perspektiven aus dem Nahen Osten und Nordafrika: In der Ausstellung „Her Lens: Resilience and Reflection“ teilen zehn Frauen fotografisch ihre Erfahrungen und geben persönliche Einblicke in ihre Welt.

Die Ausstellung „Her Lens: Resilience and Reflection“ vereint Arbeiten von zehn Fotografinnen aus Syrien, Jordanien, Palästina, Marokko, Irak und Libanon. Ihre Arbeiten reichen von dokumentarischer bis zu künstlerischer Fotografie. Sie erzählen von persönlichen Erfahrungen, familiären Bindungen, Migration und dem Verhältnis zwischen Mensch und Heimat.

Das Bild zeigt vier Frauen, die vor einer Wand mit Bildern stehen.
© Rita Mahlis/Amal News

Die Kuratorin Anahita Sadighi betreute die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Anahita Sadighi Gallery stattfindet. Sie schafft einen Raum für unterschiedliche Perspektiven von Frauen aus der Region. Die Ausstellung bildet den Abschluss eines Förderprogramms, das Fotografinnen künstlerisch begleitet und finanziell unterstützt.

„Die Stimme der Frau ist wichtig“

Yusra Ishaq, Projektleiterin bei der Candid Foundation, möchte mit dem Projekt arabische Fotografinnen ermöglichen, ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf die Welt durch Bilder auszudrücken. Ein Jahr lang wurden brachte das Projekt zehn arabische Fotografinnen in einem Programm zusammen, das künstlerisches Mentoring mit finanzieller Förderung verbindet. Neben der Ausstellung in Berlin fanden regionale Ausstellungen in Marokko, Amman und Tunesien statt. Eine Ausstellung in Beirut war geplant, wurde wegen der Lage im Libanon jedoch verschoben.

Ihr Engagement hat auch persönliche Gründe. Ishaq wuchs in einem von Frauen geprägten Haushalt auf. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihrer Mutter, ihren Tanten und ihrer Großmutter. Dabei erkannte sie, wie wichtig weibliche Stimmen sind – und wie oft ihnen der Raum fehlt, um gehört zu werden. Seitdem setzt sie sich dafür ein, Frauen Möglichkeiten zu geben, ihre Geschichten zu erzählen , sei es durch Fotografie, Dokumentarfilm oder Ausbildung.

Für Ishaq ist die Förderung von Künstlerinnen deshalb mehr als eine kulturelle Initiative: Sie schafft Möglichkeiten, Erfahrungen sichtbar zu machen und unterschiedlicher Perspektiven in die Öffentlichkeit zu tragen.

Maryam Jagnini dokumentiert die Geschichte ihrer Großmutter

So nähert sich die jordanische Fotografin und Filmemacherin palästinensischer Herkunft Maryam Jagnini sich in ihrer Arbeit den Themen Alter, Verlust und familiärer Erinnerung, indem sie Details aus dem Leben ihrer Großmutter dokumentiert. Ausgangspunkt ist das Leben ihrer Großmutter, deren Alltag sie fotografisch dokumentiert.

© Rita Mahlis/Amal News

Zunächst konzentrierte sich Jagnini auf die Spuren des Alters: die Hände und Adern ihrer Großmutter, die Falten auf ihrer Stirn und ihre Perücke, weil sie sich für ihr Haar schämte. Im Laufe der Arbeit entwickelte sich ein zweiter Schwerpunkt. Jagnini lernte von ihrer Großmutter die Zubereitung traditioneller Gerichte wie Maqluba, Mujaddara, gefüllte Weinblätter und gefüllte Zucchini. So verbindet das Projekt zwei Ebenen: die Dokumentation des Älterwerden und die Weitergabe familiären Wissens. Das gemeinsame Kochen wurde zum Weg, Erinnerungen zu bewahren und die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin zu vertiefen.

„Das ganze Land ist seine Wohnstätte“

Die palästinensische Fotografin Yaqin al-Yamani dokumentierte die Beziehung einer Beduinenfamilie zum Land. Ihr Projekt führt vom Negev bis zum Wadi al-Qelt bei Jericho. Im Mittelpunkt steht die Lebensweise der Familie, die von Mobilität und dem Wechsel zwischen verschiedenen Regionen geprägt ist.

Al-Yamani zeigt, dass sich das Leben der Beduinen nicht auf Bilder von Vertreibung und Trauer reduzieren lässt. Die Familie, deren Geschichte sie festgehalten hat, stammt ursprünglich aus dem Negev, habe aber wiederholt Erfahrungen des Umherziehens gemacht. Zugleich habe sie auch eine Beziehung zum Wadi al-Qelt – einer Gegend, die auch für al-Yamanis eine persönliche Bedeutung hat, da sie sie in ihrer Kindheit Jericho oft besucht habe.

© Rita Mahlis/Amal News

Al-Yamani erklärt, der Titel des Projekts sei von einer Frage inspiriert, die sie den Familienmitgliedern über ihre Beziehung zum Land gestellt habe und darüber, ob diese Beziehung an einen bestimmten geografischen Ort gebunden sei. Ihre Antwort lautete: „Das ganze Land ist seine Wohnstätte.“ Darin drückt sich ein Verständnis von Land aus, das über ein festes Zuhause hinausgeht. Es ist Lebensraum. Zugehörigkeit und Bewegungsfreiheit zugleich. Grenzen und geografische Festlegungen stehen dabei weniger im Mittelpunkt als die Möglichkeit, sich an unterschiedlichen Orten niederzulassen und sie als Teil des eigenen Lebensraums zu begreifen.

Die Suche nach einem sicheren Ort

Die syrische visuelle Geschichtenerzählerin Lamis Kojan beschäftigt sich in ihrem Fotoprojekt „Die Suche nach einem sicheren Ort“ mit der Frage, ob Rückkehr zwangsläufig Sicherheit bedeutet. In vier Bildern verarbeitet sie ihre Erfahrungen in Syrien, im Irak und in der Türkei. Dabei stellt sie infrage, ob die Rückkehr in das Herkunftsland automatisch bedeutet, dort Sicherheit zu finden.

Kojan wurde in Bagdad geboren und lebte im Irak bis zum Ausbruch der syrischen Revolution. Anschließend zog sie nach Istanbul. Ihre Familie stammt aus der Stadt Hama, das sie bereits in den 1980er-Jahren verlassen hatte. Weil die Familie Syrien verließ und ihre Mitglieder nicht offiziell registriert wurden, lebten Kojan und ihre Schwestern ohne Ausweispapiere. Die fehlenden Dokumente machten ihre Identität und Zugehörigkeit zu einer dauerhaften Quelle von Angst und Unsicherheit.

Die Idee zu ihrem Projekt sei während ihres ersten Besuchs in Syrien nach dem Sturz des Regimes entstanden, sagt die Fotografin. Der Besuch sei eine intensive Erfahrung voller widersprüchlicher Gefühle gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat sie das Land zurück, dem sie sich zugehörig fühlt. Doch damit war die Frage nach ihrer Sicherheit nicht beantwortet: War Syrien nun ein sicherer Ort für sie? Und war die Angst mit dem Sturz des Regimes tatsächlich vorbei?

© Rita Mahlis/Amal News

Ihre Erfahrungen im Irak und in der Türkei haben ihren Blick auf Sicherheit tief geprägt. Im Irak wuchs sie im Krieg auf. In der Türkei lebte sie mit der Sorge, wegen ihres ungeklärten rechtlichen Status nach Syrien abgeschoben zu werden. In Istanbul erlebte sie zudem die Herausforderungen der Mutterschaft als Alleinerziehende – verbunden mit mit dem Gefühl von Isolation und der Schwierigkeit, soziale Kontakte aufzubauen.

Auch nach ihrer Rückkehr nach Syrien blieb die erhoffte Vertrautheit aus. Unterschiede in Dialekt und gesellschaftlichen Vorstellungen erschwerten ihr die Kommunikation. Kojan fühlte sich dem Land zwar verbunden, konnte sich aber nicht immer so verständigen, wie sie es erwartet habe. Zugleich erkannte sie, wie unterschiedlich die Erfahrungen von Syrer:innen sein können, je nachdem, ob sie im Land geblieben waren oder in der Türkei oder in Europa gelebt hatten. Flucht und Migration verändern sich nicht nur den Lebensort, sondern auch kulturelle Prägungen und soziale Beziehungen.

Eine wichtige Rolle ihn ihrer Arbeit spielt ihr Sohn, der ebenfalls auf den Bildern erscheint. Zudem machte ihr Sohn zwei Aufnahmen von ihr im Rahmen des fotografischen Prozesses, an dem sie gemeinsam arbeiteten. Mit Kontrasten zwischen Licht und Schatten macht die Fotografin die wechselnde Distanz zwischen Sicherheit und Angst sichtbar: Ein Ort könne in einem Moment Geborgenheit vermitteln und im nächsten bedrohlich wirken.

Die vier Bilder fassen die zentrale Frage des Projekts zusammen. Sicherheit nicht als feste Tatsache, die an geografische Grenzen gebunden ist, sondern als Gefühl, das Kojan zu verstehen und zurückzugewinnen versucht. Für sie war die Rückkehr nach Syrien nicht das Ende der Suche nach Heimat, sondern der Beginn der Konfrontation mit einer komplizierteren Frage: Wie kann ein Mensch zu einem Ort gehören, ohne schon das Gefühl zu haben, dort sicher leben zu können?

Die Ausstellung „Her Lens: Resilience and Reflection“ läuft bis zum 7. November 2026 in der Anahita Sadighi Gallery.

Lies Amal auf Deutsch!

Bevorzugen Sie Deutsch? Entdecken Sie Amals Inhalte und Neuigkeiten auf Deutsch.

Auf Deutsch wechseln