Es ist 7:56 Uhr. Minakshi Sharma, Erzieherin der Gruppe „Sonne“ in der Evangelischen Kita Johanneskirche in Hamburg, betritt den Flur im Erdgeschoss. Der Raum liegt noch im Halbdunkel. Es ist still.
Sie stellt ihre Tasche auf den Tisch, schaltet das Licht ein und lässt die Fenster halb offen, um die kühle Morgenluft hereinzulassen. Dann rückt sie Stühle und Tische zurecht; alles muss bereit sein, bevor der Tag beginnt.

Wenige Minuten später betritt das erste Kind den Raum – ein Mädchen mit goldenem Haar, das direkt auf Mina zugeht und ihr leise etwas ins Ohr flüstert. Mina beugt sich herab, lächelt und sagt ein paar kurze Sätze zu ihr. Dann geht das Kind in eine Ecke des Raumes und beginnt zu spielen.
Minakshi Sharma kam 2013 gemeinsam mit ihrem Ex-Mann und ihrem einzigen Sohn aus Afghanistan nach Deutschland. Sie gehört der hinduistischen Minderheit Afghanistans an. Ihr Asylantrag wurde in erster Instanz abgelehnt, und sie erhielt eine Ausreiseaufforderung. Einige Jahre später trennte sie sich von ihrem Minn; 2018 wurde ihr eine Aufenthaltserlaubnis erteilt. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem 16-jährigen Sohn in Hamburg. „Damals hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Kindergärtnerin werden würde“, erzählt sie.
Gegen 8:30 Uhr öffnet und schließt sich die Tür zum Gruppenraum immer wieder. Nach und nach treffen die Kinder ein. Manche stürzen sich sofort auf die Spielsachen, andere bleiben noch bei ihren Eltern stehen. Langsam füllt sich der Raum mit Stimmen. „Die Morgenstunden beginnen meistens ganz ruhig“, sagt Mina. „Zuerst kommen nur ein oder zwei Kinder. Dann füllt sich der Raum langsam.“
Die Gruppe „Sonne“ umfasst etwa 19 bis 20 Kinder; Mina ist die einzige feste Bezugsperson, wird jedoch von einer weiteren Kollegin unterstützt, um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten.
Die Kinder gehen zum Frühstücken in den Speisesaal, während Mina im Raum bleibt, um Kinder in Empfang zu nehmen, die später eintreffen. Sie setzt sich an den Tisch und notiert den Tagesplan.
Plötzlich wird es still im Raum.
Mina hebt für einen Moment den Kopf und sagt: „Selbst an Tagen, an denen ich gestresst und mit unruhigen Gedanken nach Hause komme, vergesse ich hier alles, sobald ich gemeinsam mit den Kindern Spaß habe.“
Mina begann 2015, Deutsch zu lernen, und engagierte sich gleichzeitig ehrenamtlich in verschiedenen Kindergärten. Diese Erfahrungen veränderten ihren weiteren Lebensweg.
„Die Kindergartenleitung sagte mir, ich hätte ein gutes Händchen für die Kommunikation mit Kindern und Eltern und solle in diesem Beruf weitermachen“, erzählt sie.
Im Jahr 2020 begann Mina eine formale Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft und schloss den zweieinhalbjährigen Lehrgang 2023 ab. Noch im selben Jahr nahm sie ihre Arbeit im Kindergarten auf.
Es ist 9:30 Uhr. Die Kinder haben sich auf einem runden Teppich versammelt. Die tibetische Klangschale erklingt, und die Namen der Kinder werden vorgelesen. Anschließend werden einige kurze Fragen zu den Wochentagen und den Erlebnissen des Vortags gestellt. Die Antworten fallen mal richtig, mal zögerlich aus – doch die Betreuerin wiederholt die Frage lediglich, damit die Kinder selbstständig nachdenken können.

Um 10:00 Uhr beginnt das „Schuhspiel“. Jedes Kind versteckt einen Schuh unter einer Decke und muss erraten, wem er gehört. Mina erklärt, dass dieses Spiel dazu dient, sich gegenseitig besser kennenzulernen und aufeinander zu achten.
Im Anschluss folgen die Programmpunkte Schlag auf Schlag: Spiele, Musik und Tanz. Die Kinder wechseln zwischen Bewegung und fröhlichem Lachen hin und her, bevor sie sich vor dem Mittagessen auf den Weg in den Außenbereich machen.
Währenddessen blickt Mina zurück – auf die Zeit, als sie gerade erst zum Team gestoßen war: „Zuerst muss man sich mit den Kollegen gut verstehen und dann das Vertrauen der Eltern und Kinder gewinnen.“ Sie erzählt, dass ihr der Berufseinstieg nicht leichtfiel: „Ich hatte das Gefühl, man sah mich immer noch als Praktikantin an.“ Diese Phase fiel mit der Corona-Pandemie zusammen, und die Arbeitsbedingungen waren dementsprechend anders.

Sie wechselte zwischen verschiedenen Gruppen hin und her, um das Umfeld kennenzulernen – eine Erfahrung, die, wie sie sagt, „ein wenig schockierend war, da jede Gruppe ihren ganz eigenen Rhythmus hatte.“
Vor etwa einem Jahr fand sie mehr Halt, als sie die Leitung der Gruppe „Sonne“ übernahm. Doch strukturelle Probleme und personelle Wechsel im Kollegium erschwerten die Arbeit weiterhin; einige Abläufe mussten neu organisiert werden, und gleichzeitig musste sie das Vertrauen einiger Eltern neu aufbauen.
In einem Fall ging eine Beschwerde einer Mutter ein, die behauptete, ihr Kind sei im Kindergarten zu Schaden gekommen. „Meine Aufgabe ist es, mich um die Kinder zu kümmern – und nicht, ihnen zu schaden“, sagt Mina. Die daraufhin eingeleiteten Untersuchungen ergaben, dass es lediglich zu einem kurzen Konflikt zwischen den Kindern gekommen war, jedoch zu keinerlei Übergriffen seitens der Erzieherinnen. Das Missverständnis konnte ausgeräumt werden, und die Mutter entschuldigte sich.
Mina erinnert sich auch an eine schwierigere Erfahrung: Ein schwerwiegenderer Vorwurf führte dazu, dass der Fall bei der Polizei und schließlich vor Gericht landete. In jener Zeit durfte sie nicht allein mit den Kindern arbeiten; das Gericht entschied jedoch letztlich zu ihren Gunsten, und das Verfahren wurde eingestellt, da keinerlei Beweise für die erhobenen Anschuldigungen vorlagen.
Im Laufe der Zeit hat sich die Situation für sie gewandelt. „Ich habe jetzt meinen Platz gefunden“, sagt Mina. Sie leitet nun eine feste Gruppe, und ihren Kollegen zufolge hat sich sowohl die Kommunikation verbessert als auch ihre Arbeit an Stabilität gewonnen. Diesen Wandel führt sie auf ihre gewonnene Erfahrung, die Routine im Arbeitsalltag sowie ein besseres Verständnis für das Arbeitsumfeld zurück.
Gegen 13:30 Uhr verlassen die letzten Kinder die Einrichtung. Im Raum kehrt wieder Ruhe ein. Mina schließt die Fenster, rückt die Stühle zurecht und löscht das Licht.
Mittlerweile arbeitet sie etwa 30 Stunden pro Woche und kann mit ihrem Einkommen für sich und ihren Sohn sorgen. Dennoch merkt sie an, dass das Leben als alleinerziehende Mutter nicht immer einfach ist.
„Man muss alles genau durchrechnen, aber das Wichtigste ist, auf eigenen Beinen zu stehen.“
Die Tür schließt sich. Der Arbeitstag ist vorüber – für Mina ein Tag, an dem es nicht bloß um die Betreuung von Kindern geht, sondern der Teil einer Reise ist, die ihr Leben nach und nach geformt hat.
Text und Fotos: Nilab Langer