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Widerstand über Grenzen hinweg

© Zahra Nazari/Amal News
© Zahra Nazari/Amal News

Sie haben sich in Afghanistan für Frauenrechte eingesetzt, mussten vor den Taliban fliehen und sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen: Die Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ porträtiert afghanische Aktivistinnen und zeigt, wie sie ihren Kampf für Gleichberechtigung trotz Verfolgung und Exil fortsetzen.

Mehr als 20 Jahre kämpfen die Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan gegen frauenfeindliche Strukturen und stärken Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebten. Doch als am 15. August 2021 mit der Einnahme Kabuls die Macht ergreifen, sind die Aktivistinnen in Lebensgefahr. 

Innerhalb kürzester Zeit suchen sie und ihre Kolleg:innen von medica mondiale nach Evakuierungsmöglichkeiten. Die Mitarbeiterinnen müssen ihre Büros in Herat und Masar-i-Scharif schließen und Unterlagen vernichten, damit diese nicht in die Hände der Taliban fallen. Die Frauen sind gezwungen ihr Land zu verlassen, ihr Kampf für Frauenrechte geht jedoch bis heute weiter.

Das Foto zeigt Besucher:innen in der Ausstellung „Weil wir Frauen sind“.
© Zahra Nazari/Amal News

In Berlin zeigt eine Ausstellung, wie die Aktivistinnen diese Zeit erlebt haben, was sie im Exil neu aufbauen mussten und wie sie sich weiterhin für Frauenrechte einsetzen. „Weil wir Frauen sind“ zeigt das Leben der afghanische Frauenrechtlerinnen und was sie erreicht haben. Die Ausstellung wurde von medica mondiale initiiert und gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert. Sie läuft bis zum 15. November 2026.

Was von zwei Jahrzehnten Arbeiten bleibt

Medica mondiale nahm 2002 seine Arbeit in Afganistan auf. Gemeinsam mit lokalen Frauenrechtsaktivistinnen unterstützte die Organisation Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt psychologisch, rechtlich und sozial. 2010 wurde das Büro in die unabhängige Organisation Medica Afghanistan überführt. Mit der Rückkehr der Taliban gerieten die Mitarbeiterinnen wegen ihres offenen Einsatzes für Frauenrechte in Gefahr. Nach Angaben der Veranstalter unterstütze medica mondiale 90 ihrer Mitarbeiterinnen und ihre Familien bei der Evakuierung nach Deutschland.

Die afghanischen Fotografin und Journalistin Leila Ahmadyar hat 20 Aktivistinnen porträtiert. Ihre Fotografien und die persönlichen Geschichten dokumentieren jahrelanges gesellschaftliches Engagement, den Zusammenbruch vertrauter Strukturen und den Versuch, Exil neue Perspektiven zu entwickeln.

Das Ziel der Ausstellung sei nicht nur, die schweren Tage der Evakuierung nachzuerzählen, sagt Sara Fremberg, Leiterin des Bereichs Advocacy und Kommunikation bei Media mondiale. Es gehe auch darum, die Leistungen afghanischer Frauen sichtbar zu machen. Diese Bemühungen seien nicht vergeblich gewesen seien. Die Veranstalter wollten deshalb nicht erneut die Taliban in den Mittelpunkt der Erzählung stellen. Stattdessen stehen die Frauen selbst im Mittelpunkt: ihr Mut, ihre Fähigkeiten und ihr Widerstand.

Das Foto zeigt afghanische Aktivistinnen auf einer Bühne.
Afghanische Aktivistinnen erzählen von ihren Erfahrungen © Zahra Nazari/Amal News

Wahida Mohammadzai, Mitglied der Leitung der Organisation Hami und eine der porträtierten Aktivistinnen, findet es wichtig, diese Erfahrungen international bekannt zu machen. „In Afghanistan gibt es sehr viele starke und kraftvolle Geschichten, die die Menschen in der Welt hören sollten. Ich denke, eine wirksame Möglichkeit sind Ausstellungen und das Erzählen der Geschichten von Frauen“, sagt sie. Sie könnten verhindern, dass afghanische Frauen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden.

Leben im Exil

Mit der Ankunft in Deutschland fanden die Frauen Schutz, doch damit waren ihre Schwierigkeiten nicht überwunden. Sie mussten Deutsch lernen, sich auf dem Arbeitsmarkt zurechtfinden und neue soziale Kontakte knüpfen. Für viele bedeutete das, beruflich und gesellschaftlich noch einmal von vorne anzufangen – obwohl sie in Afghanistan bereits studiert, gearbeitet und Verantwortung übernommen hatten.

So musste Wahida Mohammadzai, die Medizin studiert hat, wegen ihrer fehlenden Deutschkenntnisse zunächst einen Sprachkurs für Anfängerinnen besuchen. „Ich musste in einer Klasse lernen, in der viele meiner Mitschülerinnen so alt wie meine Kinder waren“, erzählt sie. Mohammadzai sieht diese Erfahrung aber nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance zum Lernen. Es brauche, in einem anderen Land eine Existenz aufzubauen und frühere Tätigkeiten wieder aufzunehmen. Viele afghanische Frauen hätten jedoch viele dieser Herausforderungen bewältigt.

Wie der Widerstand weitergeht

Während die Taliban Mädchen und Frauen den Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe massiv einschränken, suchen Aktivistinnen im Land und im Ausland nach Wegen ihre Arbeit fortzusetzen. Sie organisieren Onlineunterricht, Seminare und Schulungen und sowie vernetzen Frauen in Afghanistan mit Aktivistinnen im Exil. Auch die Organisation Hami setzt auf solche Möglichkeiten. sagt zudem versuche unter anderem mit Online-Psychologiekursen afghanische Frauen zu unterstützen, sagt Wahida Mohammadzai. „Wenn ich ihren Mut und ihren Widerstand sehe, habe ich noch stärker das Gefühl, dass wir alles tun müssen, was in unserer Macht steht, um sie zu unterstützen, und sie niemals allein lassen dürfen“, sagt sie.

Doch die Aktivistinnen seien nicht allein auf praktische Unterstützung angewiesen, sie brauchten politischen Rückhalt, sagt. Sara Fremberg. Sie fordert die internationale Gemeinschaft auf, die Rechte afghanischer Frauen in allen politischen Gesprächen mit den Taliban zum Thema zu machen. Frauenrechtsorganisationen müssten finanziell und politisch unterstützt werden. Zugleich müssten die Taliban für die Verletzung der Frauenrechte zur Verantwortung gezogen werden. Auch Deutschland und andere westliche Staaten sieht Freiberg in der Pflicht. Sie trügen Verantwortung für das Schicksal jene Menschen, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Afghanistan für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt haben.

Die Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ führt die verschiedenen Erfahrungen der Frauen zusammen: den Verlust der Heimat, die Mühen des Neuanfangs und der Einsatz im Exil. Sie zeigt, dass die erzwungene Flucht zwar das Leben der Aktivistinnen grundlegend verändert hat, ihre politische Überzeugungen aber nicht ausgelöscht hat. Heute engagieren sich die Frauen mit internationaler Interessenvertretung, Bildungsangeboten und neuen Netzwerken

Interessierte können die Ausstellung bis zum 15. November 2026 von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 20 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin, besuchen.

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