Skip to main content

Savitas Vermächtnis

© Archiv Ursula Wagner
© Archiv Ursula Wagner

Fast zwei Jahre lang dokumentiert Savita Diana Wagner ihr Leben an der Front des Ukraine-Kriegs. Anfang 2024 kommt sie ums Leben. Ihre Mutter erfährt erst nach dem Tod, wie sie wirklich gelebt hat. Valeriia Semeniuk hat mit ihr gesprochen.

„Ich kann jetzt schon auf Ukrainisch sagen: Ich bin eine Freiwillige aus Deutschland, und in meinem Auto sind keine Waffen“, schreibt Savita Diana Wagner am 28. März 2022, nur wenige Tage nachdem sie zum ersten Mal in die Ukraine gekommen war.

Damals hatte sie noch nicht vor, in den Krieg zu ziehen. Sie kam als Freiwillige mit humanitärer Hilfe. Doch schon bald geht sie an die Front. Am 31. Januar 2024 kommt die 36-jährige Frontsanitäterin mit dem Rufnamen „Snake“ bei der Evakuierung Verwundeter in der Region Luhansk ums Leben.

Zwei Jahre später erscheinen Savitas Tagebücher auf Deutsch und Ukrainisch. Die deutsche Ausgabe „Eine Deutsche im Ukraine-Krieg. Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner“ erschien im Herder Verlag, die ukrainische Ausgabe beim Charkiwer Verleger Oleksandr Savchuk.

© Valeriia Semeniuk/Amal New

„Hätte man mich gefragt, hätte ich gesagt: ‚Niemals!‘“

Am 2. April 2022 fährt Savita in das gerade befreite Butscha. Am Abend schreibt sie: „Überall liegen nicht explodierte Sprengkörper … Sie erschossen Zivilisten, denen sie zufällig begegneten: Männer, Frauen, Kinder. Wir sahen ganze Straßen voller Leichen, deren Hände auf dem Rücken gefesselt waren … sie lagen vor den Türen ihrer eigenen Häuser …“

Was Savita in Butscha erlebt, wird für sie zu einem Wendepunkt. Anderthalb Jahre später schreibt sie, genau das habe sie dazu gebracht, sich dem ukrainischen Militär anzuschließen: „Hätte man mich gefragt, hätte ich gesagt: ‚Niemals!‘ Aber diese Ereignisse haben mich tief erschüttert und mich dazu gebracht, selbst die Entscheidung zu treffen, an die Front zu gehen.“ Savita schloss sich dem Bataillon „Karpatska Sitsch“ an.

Vor dem russischen Großangriff hatte sie keinerlei Verbindung zur Ukraine. Sie wurde in Bonn geboren, studierte zunächst Medizin, dann Jura und Mathematik. 2018 heiratete sie den Kanadier Karl Stenerud – die beiden hatten sich in einem Computerspiel kennengelernt – und lebte glücklich mit ihm in Halle. Auf dieses Leben vor dem Krieg kam sie später in ihrem Tagebuch immer wieder zurück:

„Nachts im Traum lehne ich mich an die Schulter meines Mannes und denke über einen mathematischen Beweis nach, an dem ich arbeite, in Deutschland, in meinem ‚alten Leben‘, als ich keine Ahnung davon hatte, was Streumunition oder Flechette-Munition ist – oder wie brennende Körper riechen oder wie schnell sich selbst die kleinste Wunde entzündet, wenn man in einem Schützengraben lebt – und meine größten Probleme darin bestanden, Arbeiten rechtzeitig an der Universität abzugeben und dafür zu sorgen, dass die Katze satt und glücklich war. Als das Leben noch normal, friedlich, angenehm und sicher war.“

Mit der Zeit werden Savitas Tagebucheinträge immer düsterer. Sommer 2023: „Unser Himmel ist tödlich gefährlich. Plötzlich fallen Dinge vom Himmel, die dazu bestimmt sind, uns zu vernichten. Der Himmel ist voller Rauch, Phosphor und Leuchtsignale, übersät mit feindlichen Drohnen, die Artillerie auf unsere Stellungen lenken oder Sprengstoff auf uns abwerfen.“

© Archiv Ursula Wagner

All das erfährt Ursula Wagner erst nach dem Tod ihrer Tochter, als sie deren Tagebuch liest. Denn Savita hatte ihrer Mutter erzählt, sie arbeite in einer Sanitätsstation für Soldaten – etwa 50 Kilometer von der Front entfernt. Dort kämen Soldaten mit Erkältungen, Rückenschmerzen und anderen gewöhnlichen Beschwerden zu ihr. „Ich habe ihr einfach geglaubt. Allein der Gedanke, dass sie an der Front sein könnte, schien mir viel zu fern. Eine Frau, eine Ausländerin – ich konnte mir das einfach nicht vorstellen“, sagt Ursula.

Nach dem Tod

Ende Dezember 2023 fragt Savita sich, warum sie noch immer in der Ukraine ist: „Und wofür? Ich bin keine Ukrainerin. Ich war nie zuvor in der Ukraine und kannte bis März 2022 keinen einzigen ukrainischen Menschen. Ich wusste nichts über die Ukraine.“

Dann gibt sie sich selbst die Antwort: „Die Sache ist, dass ich wirklich das Gefühl habe, dass dies auch mein Krieg ist. Nicht von Anfang an, aber jetzt – und schon seit einiger Zeit.“

Am 20. Januar 2024 schrieb Savita: „Wenn ich sterbe, möchte ich, dass alle wissen: Ich bereue nichts.“ Sie wollte nicht, dass nach ihrem Tod gesagt würde: „Armes Mädchen, wenn sie nur gewusst hätte, worauf sie sich einlässt.“ Und sie wollte nicht hören, dass die Ukraine sie getötet habe: „Das war nicht die Ukraine, das waren die Russen.“

Elf Tage später kommt Savita Diana Wagner bei der Evakuierung Verwundeter vom Schlachtfeld ums Leben. Sie wurde in Kyjiw auf der Ehrenallee des Lukjaniwske-Friedhofs beigesetzt.

Die 73-jährige Ursula Wagner arbeitete in der Verwaltung eines Fernsehsenders in Bonn und verbrachte, wie sie selbst sagt, praktisch ihr ganzes Berufsleben im Büro. Heute setzt sie sich selbst ans Steuer und fährt in die Ukraine – in ein Land, das noch vor wenigen Jahren in ihrem Leben kaum eine Rolle spielte. Doch nun ist ihre einzige Tochter in Kyjiw beigesetzt.

© Valeriia Semeniuk/Amal News

Frau Wagner, dank Savitas Tagebüchern und Ihrer öffentlichen Auftritte wissen wir heute viel über sie als Freiwillige und Kampfsanitäterin. Aber fast nichts über ihr Leben vor 2022. Was für eine Tochter war sie?

Sie war unglaublich neugierig. Schon als ganz kleines Kind stellte sie tausend Fragen: „Warum ist das so? Was bedeutet das?“ Sie wollte alles wissen. Damals wussten wir noch nicht, dass sie zu den hochbegabten Kindern gehörte. Sie war einfach nicht genug gefordert. In der Schule merkte man das sehr deutlich. Sie übersprang sogar eine Klasse, weil sie dem Lehrplan voraus war.

© Archiv Ursula Wagner

Ich habe sie allein großgezogen. Wenn ich länger arbeiten musste, blieb Savita oft bei meiner Mutter. Insgesamt führten wir ein ganz normales Leben. Sie machte Ballett, später Fechten. Bis zu einem gewissen Alter war sie sehr sportlich. Und dann kam die Pubertät – wie bei allen.

Und sie konnte Ungerechtigkeit nur sehr schwer ertragen – sie protestierte dagegen. Das begann schon in ihrer Kindheit. Wenn sie zum Beispiel eine meiner Entscheidungen für ungerecht hielt, konnte sie sich einfach weigern, sie zu akzeptieren. Dann musste ich als Mutter überlegen, wie ich mich durchsetzen konnte, ohne dass die Situation in einen großen Konflikt mündete.

© Archiv Ursula Wagner

Savita wechselte mehrfach ihre Studienrichtung: Medizin, Jura und schließlich Mathematik. Hat Sie das nicht geärgert?

Ich sagte ihr oft: „Bring doch endlich einmal etwas zu Ende. Du fängst alles an und machst nichts fertig.“ Dabei hatte sie in allem, was sie studierte, sehr gute Leistungen. Ich glaube, sie suchte einfach ihren Weg. Medizin war nicht das Richtige für sie. Jura auch nicht. Aber Mathematik, glaube ich, hätte wirklich ihr Ding werden können. Ihr Mann brachte sie auf die Mathematik. Das war intellektuell endlich anspruchsvoll genug für sie.

Als Sie nach ihrem Tod ihr Tagebuch lasen: Gab es Dinge, die überhaupt nicht zu dem Bild passten, das Sie von Ihrer Tochter hatten?

Sehr viele. Ich habe vieles über meine eigene Tochter erst nach ihrem Tod erfahren. Mich hat zum Beispiel überrascht, wie intensiv sie sich mit Politik und Geschichte beschäftigt hatte. Wir haben darüber gar nicht so häufig miteinander gesprochen.

Über die Ukraine wusste Savita vor 2022 fast nichts. Aber sie wusste sehr viel über den Zweiten Weltkrieg und über Russland. Für sie war klar: Wieder zieht ein Imperialist durch Europa – genau so beschrieb sie es – und dem müsse man sich entgegenstellen.

Dazu kam auch ein familiärer Hintergrund. Beide Großmütter waren Flüchtlinge aus Schlesien. Sie flohen vor den sowjetischen Truppen und mussten als Frauen sehr Schreckliches erleben. Über vieles davon wusste ich selbst fast nichts. Meine Mutter erzählte mir sehr wenig über den Krieg. Aber Savita hat sie offenbar deutlich mehr erzählt.

Warum ist Savita Ihrer Meinung nach im März 2022 in die Ukraine gegangen?

Sie ging aus Überzeugung. Für sie war klar: Die Ukraine musste verteidigt werden, weil sie ein Teil Europas ist. Savita begriff sehr schnell das Ausmaß dessen, was dort geschah. Überhaupt handelte sie oft so: Zuerst sah sie, dass etwas getan werden musste, und dann tat sie es. Erst danach dachte sie darüber nach, wie gefährlich es sein könnte.

Würden Sie sagen, dass Savita zu den Menschen gehörte, die das Risiko suchten?

Ich glaube, es war keine Lust am Risiko, sondern Idealismus. Auch ein Idealist muss bereit sein, ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen. Aber das bedeutet nicht, dass ein Mensch Freude am Risiko hat. Für Savita war es eine Notwendigkeit. Sie war der Meinung: Jemand muss es tun.

© Archiv Ursula Wagner

Im Gegensatz zu ihrem Mann wussten Sie nicht, dass sie tatsächlich an der Front war. Wie konnte sie das vor Ihnen verbergen?

Sie erzählte mir von einem medizinischen Stützpunkt für Soldaten, der 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt sei. Sie sagte, dort kämen Soldaten mit Erkältungen oder Rückenschmerzen zu ihr – ganz gewöhnliche Dinge. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, dass meine Tochter an der Front sein könnte. Das erschien mir viel zu weit weg. Eine Frau. Eine Ausländerin. Eine Pazifistin, wie sie sich selbst bezeichnete. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen.

Im Januar 2024 kamen Sie zum ersten Mal nach Kyjiw, um Ihre Tochter zu sehen. Wie sich später herausstellte, war das nur wenige Wochen vor ihrem Tod. Haben Sie damals gemerkt, dass Savita sich verändert hatte?

Ja, die Veränderung war offensichtlich. Sie war sehr selbstbewusst geworden. Stark und stolz. Das zeigte sich nicht in irgendwelchen großen Worten. Wenn sie einfach vor mir stand, sah ich: Vor mir steht ein anderer Mensch.

© Archiv Ursula Wagner

Als ich von ihrem Tod erfuhr, war das für mich ein doppelter Schock. Zuerst erfährst du, dass dein Kind gestorben ist. Und dann öffnet sich nach und nach ein völlig anderes Bild von ihrem Leben.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, sie in Kyjiw beizusetzen?

Mein Schwiegersohn und ich waren überzeugt, dass Savita selbst genau das gewollt hätte. Wenn man mit Menschen gemeinsam kämpft und mit ihnen durch solche Dinge geht, wird man Teil dieser Gemeinschaft, dieses Landes.

In Kyjiw erhält sie die Anerkennung, die sie in Deutschland nicht bekommen hätte. Menschen kommen zu ihrem Grab auf der Ehrenallee des Lukjaniwske-Friedhofs. Sie bringen Blumen und sogar Süßigkeiten. Das ist eine ganz andere Erinnerungskultur. Und es freut mich sehr, dass Savita in der Ukraine für das geehrt wird, was sie getan hat.

© Archiv Ursula Wagner

Ich kann an dieser Tragödie nichts ändern. Savita kommt nicht zurück. Das Schlimmste ist für mich bereits geschehen. Tod ist Tod. Aber wenn man erfährt, dass das eigene Kind vielen anderen Menschen das Leben gerettet hat, dann ist das … schwer richtig zu benennen. Es ist eine Art bittersüßes Gefühl.

Mein Kind ist gestorben, aber andere Menschen leben dank ihr. Und ich bin froh, dass sie leben.

Heute fahren Sie selbst immer wieder in die Ukraine. Warum?

Es gibt ständig irgendeinen Anlass. Ich war in Сharkiw, Odesa, Mykolajiw, Tscherkassy, Dnipro, Winnyzja, Lwiw und sehr oft in Kyjiw. Ich fahre einfach gern durch das Land. Aber der wichtigste Ort für mich ist Kyjiw. Denn dort ist meine Tochter. Wenn ich in die Ukraine komme, treffe ich Menschen, die Savita kannten.

Im März habe ich zum Beispiel spezielle Paraffinverbände für Brandverletzungen mitgebracht. Einer von Savitas Kameraden hatte mir gesagt, dass sie in den Krankenhäusern fehlen. Ich organisierte die Hilfe mit Unterstützung von Freunden, Nachbarn und Menschen aus meinem Umfeld in Bonn, lud alles ins Auto und brachte es in die Ukraine.

Zuletzt waren Sie im Juni in Kyjiw, gerade als einige der schwersten Angriffe der vergangenen Jahre begannen. Hatten Sie damals keine Angst? Oder haben Sie vielleicht Angst davor, wieder hinzufahren?

Manchmal habe ich Angst. Aber deshalb werde ich nicht sagen: „Ich fahre nicht mehr hin.“ Ich verstehe das Risiko. Aber das bedeutet nicht, dass ich aufhören werde, in die Ukraine zu fahren.

Was hat Ihnen nach Savitas Tod geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden?

Ihr Tagebuch. Ich hatte ein konkretes Ziel: es zu veröffentlichen. Das wurde für mich zu einem Weg, weiterzuleben. Ich hatte ständig etwas zu tun: Verlag, Stiftung, Kontakte, Reisen, Lesungen. Für mich ist es sehr wichtig, dass Savita nicht vergessen wird.

Wenn ich von Savita erzähle, erzähle ich den Deutschen gleichzeitig von der Ukraine. Natürlich ist meine Tochter für mich das wichtigste Thema. Aber über ihre Geschichte kann ich die Ukraine immer wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken.

© Valeriia Semeniuk/Amal News

Sie haben die Savita Diana Wagner Stiftung gegründet und dafür Ihr Haus verkauft. Erzählen Sie bitte etwas genauer von Ihren Plänen.

Eine Stiftung ohne Geld zu gründen, ergab keinen Sinn. Deshalb habe ich mich tatsächlich entschieden, das Haus zu verkaufen. Schließlich habe ich keine Erben mehr. Jetzt baue ich die Stiftung Schritt für Schritt auf. Im Moment überlege ich, welche Hilfe am dringendsten gebraucht wird.

Ich habe Kontakt zu jemandem, der bereits im Bereich Prothetik arbeitet. Wir schauen, ob wir zusammenarbeiten können. Ich stehe erst am Anfang. Ich muss noch sehr viel verstehen und lernen.

© Valeriia Semeniuk/Amal News

Mein großer Traum ist es, eines Tages beim Wiederaufbau einer Schule in der Ukraine zu helfen. Aber dafür braucht man große Spender, Unternehmen und offizielle Entscheidungen. Eine einzelne Privatperson kann ein solches Projekt nicht stemmen. Deshalb möchte ich im Moment mit kleineren, realistischeren Dingen anfangen. Und das Thema Prothetik ist mir besonders wichtig. Ich möchte verstehen, wo die Stiftung konkret helfen kann und was sich tatsächlich umsetzen lässt.

© Valeriia Semeniuk/Amal News

Lies Amal auf Deutsch!

Bevorzugen Sie Deutsch? Entdecken Sie Amals Inhalte und Neuigkeiten auf Deutsch.

Auf Deutsch wechseln