Der neue Film der afghanischen Filmemacherin Shahrbanoo Sadat mit dem Titel „No Good Men“ wird in diesem Jahr am 12. Februar als Eröffnungsfilm der Berlinale gezeigt. Die Teilnahme an der Berlinale, einem der fünf weltweit führenden Festivals der Kategorie A, gilt als große Ehre. Allerdings wurde Sadat bereits zuvor auch bei anderen Festivals dieser Kathegorie ausgezeichnet. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf ihre künstlerische Laufbahn und auf den Weg, den sie von der Kunstuniversität Kabul bis zu den Gipfeln des Weltkinos zurückgelegt hat.
Rückkehr nach Afghanistan
Shahrbanoo Sadat wurde in Teheran geboren und lebte bis zu ihrem zwölften Lebensjahr im Iran. Danach kehrte sie mit ihrer Familie in die Heimat ihres Vaters nach Bamiyan in Afghanistan zurück. Sie begann ein Studium an der Fakultät der Schönen Künste in Kabul, verließ diese jedoch sehr bald wieder. Anschließend lernte sie dokumentarisches Filmemachen am Institut „Atelier Varan“. Ihre Arbeit begann im Stil des „Cinéma Vérité“, einem Stil, bei dem die Filmemacherin versucht, Momente und Ereignisse mit möglichst wenig Eingriff in die Wirklichkeit in ihrer ehrlichsten Form abzubilden. Zugleich machte Shahrbanoo mit einer Rolle in der Serie „Das stille Paradies“ unter der Regie von Roya Sadat und mit ihrer Arbeit beim Fernsehsender Tolo erste berufliche Erfahrungen.

Begegnung mit Anwar
Den Wendepunkt im Berufsleben von Shahrbanoo kann man vielleicht in ihrer Begegnung mit Anwar Hashemi beim Fernsehsender Tolo sehen. Beide stammten aus Bamiyan und teilten ähnliche Anliegen. Anwar, der damals noch weit von der professionellen Welt des Kinos entfernt war, wollte die wechselvolle Geschichte seines Lebens auf die Leinwand bringen. Mit Ermutigung und Unterstützung von Shahrbanoo begann Anwar, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Diese Erinnerungen entwickelten sich nach und nach zu einer „filmischen Pentalogie“. Der Film „No Good Men“ ist in Wirklichkeit der dritte Teil dieser Reihe.
Erste lange Kinoarbeit: „At Home and Far Away“ (2013)
Dieser Film ist Sadats erstes Langfilmwerk vor Beginn des Pentalogie-Projekts von Anwar Hashemi. „At Home and Far Away“ war eine Koproduktion aus Dänemark, Deutschland und Afghanistan. Shahrbanoo führte Regie bei den Afghanistan-Teilen, Katja Adomeit bei den Deutschland-Teilen. Die Geschichte spielt zwischen zwei Welten: auf der einen Seite eine Familie in Afghanistan, die mit dem Abzug der US-Truppen und der aufgeheizten Stimmung rund um die Wahlen ringt, auf der anderen Seite ein Mädchen in einem Flüchtlingslager in Deutschland. Der Film, der erstmals beim Rotterdam-Festival 2014 Aufmerksamkeit erregte, zeigte Sadats besonderen Stil bei der Verbindung dokumentarischer Wirklichkeit mit fiktionalem Erzählen sowie ihre Auseinandersetzung mit Migration und dem Gegensatz von Tradition und Moderne.
„Wolf and Sheep“: Der Aufstieg eines Phänomens
Der Spielfilm „Wolf and Sheep“ aus dem Jahr 2016 markierte den Beginn der Zusammenarbeit von Sadat und Hashemi. Der Film, der in einem abgelegenen Dorf spielt, verwischt die Grenze zwischen Alltagswirklichkeit und Volkslegenden. Im Mittelpunkt stehen zwei ausgegrenzte Kinder, „Sediqa“ und „Qodrat“, die in der Einsamkeit der Berge eine tiefe Bindung aufbauen.
In einem Bericht von Cineuropa sagt Shahrbanoo über diese Figuren, Qodrat sei Anwar: „Und Sediqa bin ich – natürlich bis zu einem gewissen Grad. Tatsächlich liegen zwischen mir und Anwar 18 Jahre Altersunterschied, aber wir stammen wirklich aus demselben Dorf. In ‚Wolf and Sheep‘ wollte ich uns fast gleichaltrig zeigen. Beide Figuren, Qodrat und Sediqa, sehen Sie auch im Film ‚The Orphanage‘. Das wird nicht ausdrücklich gesagt, aber in Wahrheit sind es dieselben Figuren aus dem ersten Film; nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Figuren selbst sind dieselben.“
Preise und Auszeichnungen
„Wolf and Sheep“ wurde von internationalen Kritikern breit aufgenommen und gewann den Hauptpreis der Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ (Art Cinema Award) bei den Filmfestspielen von Cannes 2016. Shahrbanoo Sadat, die mit 20 Jahren die jüngste Person war, die in die Cinéfondation von Cannes aufgenommen wurde, schrieb sich mit diesem Film als erste afghanische Regisseurin, der die Herstellung eines langen Spielfilms gelang, in die Filmgeschichte ihres Landes ein.
Aus Sicht der Kritiker
Das renommierte Magazin Variety schreibt in seiner Kritik zu diesem Film:
„Das feinsinnige Drama ‚Wolf and Sheep‘ verbindet naturalistische und ethnografische Bilder mit reizvollen Spuren folkloristischen magischen Realismus. Aus Sicherheitsgründen war Sadat gezwungen, ihr Heimatdorf in den Bergen Tadschikistans nachzubauen, und mit Hilfe von 38 Dorfbewohnern entwarf sie ein Bild ihrer Heimat, das sich völlig von dem unterscheidet, was die Medien gewöhnlich zeigen.“
„The Orphanage“: Eine Hommage an das Bollywood-Kino im Herzen des Kabul der 80er Jahre
Der Spielfilm „The Orphanage“ aus dem Jahr 2019 ist der zweite Teil von Shahrbanoo Sadats Pentalogie-Projekt, das auf den Erinnerungen von Anwar Hashemi basiert. Die Geschichte spielt Ende der 1980er Jahre während der sowjetischen Präsenz in Afghanistan. Die Hauptfigur ist derselbe „Qodrat“ aus „Wolf and Sheep“, der nun ein Jugendlicher ist und auf den Straßen Kabuls Kinokarten verkauft. Nach seiner Festnahme durch die Polizei wird er in ein staatliches Waisenhaus geschickt, das von den Sowjets geführt wird. Anders als stereotype Kriegsfilme konzentriert sich der Film auf Qodrats Innenwelt, seine Freundschaften und seine grenzenlose Liebe zum Bollywood-Kino. Dort stellt er sich sein Leben in Form glanzvoller Bollywood-Musical-Szenen vor, um den bitteren Realitäten des Krieges zu entkommen.
Preise und internationale Aufmerksamkeit
Wie Sadats vorheriges Werk wurde auch „The Orphanage“ erstmals in der Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ der Filmfestspiele von Cannes 2019 gezeigt und von den Kritikern sehr warm aufgenommen. Der Film wurde als Teil einer größeren Erzählung bei verschiedenen Festivals gelobt, darunter das London Film Festival und das Festival von Reykjavík. Kritiker meinen, Sadat habe mit diesem Werk die Klischees über das afghanische Kino durchbrochen und mit „metaphysischen“ und „filmischen“ Elementen eine Brücke zwischen persönlichen Erinnerungen und der politischen Geschichte ihres Landes geschlagen. Anwar Hashemi, auf dessen Leben der Film basiert, spielte selbst in dem Film die Rolle eines der Erzieher des Waisenhauses.
Aus Sicht der Kritiker: Die Verbindung von Truffaut und Kiarostami
Die renommierte Zeitung The Guardian bezeichnet den Film in einer Kritik von Peter Bradshaw als großen Erfolg des modernen afghanischen Kinos und schreibt:
„In diesem Film steckt eine unvergleichliche Energie, Kraft und Offenheit. Wenn Sadat die Erzählung von Qodrats Lebensgeschichte fortsetzt, werden wir etwas erleben, das den Werken von François Truffaut [in der Erzählung von Antoine Doinels Leben] ähnelt und mit der poetischen Zartheit von Abbas Kiarostami vermischt ist. Shahrbanoo Sadat ist eine Filmemacherin, die man sehr genau im Blick behalten sollte.“

„No Good Men“ bei der Eröffnung der Berlinale 2026
Nun richten sich alle Blicke auf den 12. Februar. Dann wird das neueste Werk von Shahrbanoo Sadat als Eröffnungsfilm der Berlinale 2026 gezeigt. Der Film ist eine romantisch-politische Komödie, wurde in Deutschland gedreht und weist eine bemerkenswerte Besonderheit auf: Shahrbanoo Sadat selbst spielt die Hauptrolle, eine Kamerafrau. Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle hat Sadat als eine der faszinierendsten Stimmen des angesehenen internationalen Kinos beschrieben, der es erneut gelungen ist, die Erzählung afghanischer Frauen in den Mittelpunkt des Weltkinos zurückzubringen.