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Sängerin Ganna: Allein, aber vielstimmig

Die Sängerin Ganna sing auf Ukrainisch © Foto: Dovile Sermokas, Collage: Grycja
Die Sängerin Ganna sing auf Ukrainisch © Foto: Dovile Sermokas, Collage: Grycja

Mit Loopstation, Jazz und ukrainischer Folklore schafft Ganna Gryniva einen einzigartigen Klang, der Menschen weltweit berührt – auch ohne dass sie ein Wort Ukrainisch verstehen.

„Jeder, der ihr letztes Album gehört hat, wird von diesem Klang überrascht sein. (…) Mit ihrem Loop, Samples und Effekten aller Art arbeitet sie fast wie eine bildende Künstlerin. Wir hören ein paar Takte eines Liedes a cappella, so wie es seit Hunderten von Jahren gesungen wird. Und dann versetzt sie diese Bäuerin in Tracht virtuell auf eine bunte, schillernde Tanzfläche in einem angesagten Berliner Club. Und es gelingt ihr, diese beiden Welten zu verbinden, als wäre es ein Tanz“, so beschrieb der österreichische Radiosender Ö1 das Schaffen der ukrainischen Musikerin Ganna.

Auch in Australien verglichen Medien die Sängerin nach ihren Konzerten sogar mit Björk. Ausländische Zuhörer:innen verstehen die Worte in Liedern wie „Tuman“, „Malanka“ oder „Kupala“ nicht, aber sie fühlen sie – manchmal sogar bis die Tränen kommen. In ihrer Musik verbindet Ganna Gryniva Jazz, ukrainische Folklore, klassische Musik, Elektronik und Improvisation. 

Sängerin
© Dovile Sermokas

Im Alter von 13 Jahren zog sie mit ihren Eltern und drei Schwestern aus der Region Kyjiw nach Deutschland. Später absolvierte sie die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, wo sie Jazzgesang und Improvisation studierte. Heute umfasst Gannas Werk vier Soloalben. 2025 veröffentlichte sie ihr Album „Utopia“.

Sie lebt in Berlin und spricht fließend Deutsch, Englisch und Französisch. Trotz ihres Lebens im Ausland singt Ganna überwiegend auf Ukrainisch. Ihre Band besteht aus Musikern aus Schweden, Österreich und Deutschland. Das hindert sie aber nicht daran, ukrainische Lieder zu spielen.

„Ich übersetze den Musikern den Inhalt der Texte, erzähle die Geschichten, die darin stecken, und sie spüren das. Wir haben uns alle in Berlin getroffen, wir sind alle aus verschiedenen Ländern hierher gekommen. Dass ich auf Ukrainisch singe, war nie ein Problem“, sagt die Sängerin.

Sängerin Ganna
© Lola Mamadzhanova

Am 6. August 2026 tritt Ganna Gryniva auf der Sommerbühne Alte Feuerwache in Mannheim auf, am 7. August auf dem M!crofestival in Dortmund und am 9. August beim Festival „Wyrij“ in Kyjiw. Außerdem wird sie auf Festivals in Schweden und Großbritannien singen.

Darka Gorova traf Ganna Gryniva vor ihrem Konzert in Berlin und erfuhr, wie es ihr gelingt, sich auf der Bühne ihre Stimme in einen ganzen Chor zu verwandeln, warum sie sowohl in Australien als auch in Kanada auf Ukrainisch singt und die Menschen weinen, obwohl sie die Worte nicht verstehen, und ob sie plant, beim „Eurovision Song Contest“ aufzutreten.

Sängerin Ganna
© Foto: Dovile Sermokas, Collage: Grycja

Aus einer Musikfamilie

Musik begleitet die Künstlerin seit ihrer Kindheit. Die Mutter der Sängerin ist professionelle Musikerin und arbeitete im Theater. In der Familie wurde nie darüber gesprochen, ob man Musik machen sollte. Das war so selbstverständlich wie zu frühstücken oder spazieren zu gehen.

„Es stand nicht die Frage, ob wir es tun würden, sondern nur, wann wir anfangen. Eines Tages, als ich sechs Jahre alt war, begann ich, Melodien auf dem Klavier herauszusuchen und sie mitzusingen. Meine Mutter schaute zu und sagte: „Ich denke, die Zeit ist gekommen.“ So begannen wir zu üben, schließlich spielen auch alle meine Schwestern Klavier“, erinnert sich Ganna.

Sängerin Ganna
© Dovile Sermokas

Vor dem Umzug nach Deutschland wurden die vier Mädchen zu Hause unterrichtet. Das entschied ihr Vater. Er hatte die Schule in seinem Heimatdorf in der Region Kyjiw abgeschlossen und wollte nicht, dass seine Kinder ihre Bildung im selben System erhielten. Zunächst versuchte er, eine alternative Schule für die Kinder vor Ort zu gründen, fand aber keine Unterstützung. Also übernahmen die Eltern selbst die Ausbildung ihrer Töchter.

Ganna lebt seit vielen Jahren im Ausland, doch die ukrainische Sprache bleibt ein untrennbarer Teil ihres Lebens. Sie sagt, dass sie sie bewusst jeden Tag pflegt. „Ich möchte ukrainische Podcasts hören, ukrainische Bücher lesen. Wenn man eine Sprache nicht benutzt, verschwindet sie nach und nach, und für mich ist es wichtig, das nicht zuzulassen“, sagt die Sängerin.

Sängerin Ganna
© Lola Mamadzhanova

Ein Chor für sich selbst

Auf der Bühne tritt Ganna nicht nur als Sängerin auf, sondern auch als ihr eigener Chor. Dabei hilft ihr eine Loopstation, ein Gerät, das die Stimme in Echtzeit aufnimmt, sofort wiedergibt und es erlaubt, neue Gesangsspuren darüberzulegen. So kann die Künstlerin direkt während des Konzerts einen vielstimmigen Klang erzeugen.

Mit der Loopstation begann Ganna schon während ihres Studiums in Weimar zu arbeiten. Sie sagt, sie habe das Glück gehabt, bei Professor Michael Schiefel zu studieren, einem der ersten Musiker in Deutschland, der schon in den 1990er Jahren mit solchen Technologien experimentierte.

Laut Ganna gebe es nur wenige Musiker:innen, die diese Technik beherrschen. Und das liege nicht nur daran, dass sie schwierig sei. Eine Loopstation lasse sich nicht leicht in einen Auftritt mit Band integrieren, und Künstler:innnen müssten ständig Musik, Technik und Gesang kontrollieren.  

„Ich muss alle Stimmen selbst singen. Wenn das Lied langsam ist, ist das eine echte Herausforderung. Zuerst eine Stimme aufnehmen, dann die zweite, dann die dritte. Genau deshalb sind viele Arrangements nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut. Irgendwann verstand ich, dass ich über die Möglichkeiten der Loopstation hinausgehen wollte“, erzählt Ganna. Sie begann, mit Musiksoftware zu arbeiten, die es ermöglicht, ganze Klangbibliotheken zu erstellen. „Jetzt kann ich immer noch allein auf die Bühne gehen, aber wie ein ganzes „Orchester“ klingen“, sagt die Sängerin. 

Sängerin Ganna
© khrystyna.photo_

Während des Konzerts muss sie gleichzeitig singen, neue Spuren aufnehmen, Pedale bedienen, auf das Timing achten und dabei den Kontakt zum Publikum nicht verlieren.  Doch diese Mehrfachbelastung schreckt sie nicht ab. „Mir gefällt das. Im Gegenteil: Wenn das Gehirn nicht genug beschäftigt ist, ist das unangenehm. Aber wenn alles gleichzeitig passiert, habe ich die größte Freude daran“, gesteht die Künstlerin.

Vor ihrem Studium in Weimar lebte Ganna zwei Jahre in Berlin. Dort besuchte sie fast jeden Abend Jam-Sessions, lernte Musiker:innen aus verschiedenen Ländern kennen und gründete ihre eigene Band. Der Umzug ins kleine Weimar veränderte das Lebenstempo. Die dortige Musikszene erwies sich als deutlich kleiner, und die Sängerin verstand, dass die Zeit gekommen war, zu lernen, allein aufzutreten.

Genau damals wurde die Loopstation für sie nicht einfach nur zu einem technischen Gerät, sondern zu einem vollwertigen musikalischen „Partner“, der neue Möglichkeiten für Solokonzerte eröffnete.

Sängerin Ganna
© Dovile Sermokas

„Ich habe meine eigene Folklore, und genau damit muss ich mich beschäftigen“

Zur ukrainischen Folklore fand Ganna Gryniva nicht über Familientraditionen oder ethnografische Expeditionen, sondern über den Jazz. Während ihres Studiums tauchte sie immer tiefer in die afroamerikanische Musiktradition ein. Mit der Zeit verstand sie jedoch: So sehr sie diese Musik auch faszinierte, sie konnte fremde Geschichten nicht so aufrichtig erzählen wie ihre eigenen. „Ich habe meine eigene Folklore, und genau damit muss ich mich beschäftigen“, sagt die Sängerin.

So brach Ganna zum ersten Mal zu einer Folklore-Expedition in ukrainische Dörfer auf. Sie wollte nicht nur alte Lieder hören, sondern Menschen kennenlernen, für die diese Lieder Teil des Alltags waren.

„Nach dieser Reise haben sich mir sowohl die Musik als auch das Singen selbst anders erschlossen. Ukrainische Folklore ist kein Museumsexponat, sondern eine lebendige Chronik eines Volkes. In diesen Liedern steckt, wie die Menschen lebten, woran sie glaubten, was sie für heilig hielten. Das ist eine Art Code der Nation. Genau deshalb hat diese Musik Repressionen und schwere Zeiten überlebt. In ihr spürt man einen besonderen Geist und etwas Sakrales“, sagt die Künstlerin.

Sängerin Ganna
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Heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Bemerkenswert ist, dass in der Stadt gleich zwei ukrainische Künstlerinnen wirken, die zeitgenössische Musik mit ukrainischer Folklore verbinden: Ganna Gryniva und Viktoriia Leleka. Beide erhielten ihre musikalische Ausbildung in Deutschland, vertreten auf der europäischen Bühne aber weiterhin gerade die ukrainische Kultur.

Sieht sich Ganna eines Tages für die Ukraine auf der Bühne des „Eurovision Song Contest“? Sie sagt, diese Frage werde ihr immer häufiger gestellt. „Das ist ein interessanter Gedanke“, lächelt die Sängerin. Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass sie wegen ihres Lebens im Ausland auf Kritik stoßen könnte, so wie es ihrer Kollegin Viktoriia Leleka erging. „Ja, jemandem wird nicht gefallen, dass ich nicht in der Ukraine lebe. Dieses Thema kommt in fast jedem Interview oder bei Konzerten in der Ukraine auf. Aber ich bin darauf vorbereitet“, sagt Hanna.

Sängerin Ganna
© Lola Mamadzhanova

Die Ukraine ohne Übersetzer:in verstehen

Nach den Konzerten sprechen Menschen mit warmen Worten zu ihr, die zuvor fast nichts über die Ukraine wussten. Einer dieser Fälle ereignete sich nach einem Konzert in Deutschland. Ein Mann trat an die Künstlerin heran. „Er sagte: „Vor lauter Emotionen habe ich das ganze Konzert hindurch geweint. Es war mir sogar peinlich. Wie kann man eine so schöne Kultur zerstören?“ Solche Worte sind für mich außerordentlich wertvoll“, erinnert sich die Sängerin.

Sie ist überzeugt: Kultur kann oft mehr sagen als politische Diskussionen oder Statistiken. „Wenn ein Mensch Musik hört und sie das Herz berührt, werden Fakten schon ganz anders wahrgenommen. Das ist eine sanfte, aber wirksame Kraft. Russland hat jahrzehntelang enorme Ressourcen in seine kulturelle Propaganda investiert. Jetzt haben wir die Gelegenheit, diese Narrative zu dekonstruieren. Unter anderem durch Kunst und durch Menschen, die unsere Kultur erklären können“, sagt Ganna.

Allein in diesem Jahr trat die Künstlerin in Australien, Kanada, Italien, Schweden, Deutschland, Polen, Großbritannien, Belgien und anderen Ländern auf. Auf den Plakaten steht unverändert: „Ukrainische Sängerin“. Oft beteiligen sich lokale ukrainische Gemeinden an der Organisation der Konzerte, und die Auftritte selbst werden zu Plattformen für Benefizsammlungen. So wurden gemeinsam mit der Diaspora in Australien und Kanada Mittel für Plattformen gesammelt, die verwundete Soldaten vom Schlachtfeld evakuieren.

Sängerin Ganna©
© Lola Mamadzhanova

Erfreulich ist auch etwas anderes: Ukrainische Musik findet selbst bei denen Resonanz, die kein einziges Wort verstehen.

„Nach dem Konzert in Portugal kamen Mädchen aus Großbritannien zu mir und sagten, es sei das beste Live-Konzert gewesen, das sie je gehört hätten. Sie können überhaupt kein Ukrainisch. Und neulich schrieben Hörerinnen aus Italien und baten mich, mit einem Konzert zu kommen. Genau dafür arbeite ich: damit die Menschen die ukrainische Kultur für sich entdecken“, sagt Ganna.

Während ihrer Auftritte singt sie nicht nur, sondern erzählt auch die Entstehungsgeschichten jeder Komposition. Sie erklärt, auf welchen folkloristischen Liedern sie beruhen, macht die Zuhörer:innen mit den Interpret:innen bekannt, von denen sie authentischen Gesang aufgenommen hat, und teilt den Kontext, ohne den man die Musik ihrer Überzeugung nach nicht vollständig fühlen kann.

„Ich stelle mir immer vor, als wären die Zuhörer beim Konzert eigentlich zu mir nach Hause zu Besuch gekommen. Ich singe für sie, erzähle Geschichten, aber genauso wichtig ist es, auch sie zu spüren. Das muss ein Dialog sein, ein Austausch von Energie. Ich will nicht einfach nur sagen: „Hier ist ein Lied, macht damit, was ihr wollt“, sagt die Sängerin. In einem solchen Dialog entsteht ihrer Meinung nach auch ein Verständnis der Ukraine ohne Übersetzer:in.

Sängerin Ganna
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