Weshalb sich gerade Geflüchtete und Migrant:innen ehrenamtlich engagieren sollten, welche Chancen und Möglichkeiten sich bieten, darum ging es in einer Informationsveranstaltung kürzlich in Norderstedt bei Hamburg. Nora Just von der Stabstelle für Ehrenamt der Stadt erklärte, wie sie Geflüchteten dabei helfen kann, den passenden Verein oder eine Initiative zu finden, wo sie sich engagieren können.
Die Stabsstelle, so erläutert Just, ist „die zentrale Anlaufstelle für alle, die sich in Norderstedt ehrenamtlich engagieren möchten, sowie für Vereine und Initiativen, die Unterstützung suchen“. Ihre Aufgaben bewegen sich in drei miteinander verbundenen Richtungen: die Vermittlung zwischen Engagementinteressierten und Stellen, die Unterstützung benötigen, die Entwicklung von Schulungs- und Unterstützungsangeboten für Ehrenamtliche, sowie Öffentlichkeitsarbeit, um den Wert des Ehrenamts in der Stadt sichtbar zu machen und mehr Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme zu ermutigen.
Ehrenamtliche ehren
Ein Beispiel für Unterstützungsangebote ist ein Workshop zu Fördermitteln, den die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt am 13. Juni 2026 in Norderstedt anbietet. Im Bereich der Sichtbarmachung des Ehrenamts verweist Just auf Veranstaltungen wie die „Ehrenamtstage“, die in Zusammenarbeit mit dem Einkaufszentrum Herold Center organisiert werden, mit dem Ziel, das Engagement der Ehrenamtlichen stärker in der Öffentlichkeit präsent zu machen.
Das Hauptziel der Informationsveranstaltung war, laut Just, Geflüchtete und Migranten über die Möglichkeiten des Ehrenamts zu informieren und sie für ein Engagement zu gewinnen. Das Ehrenamt bringt aus ihrer Sicht einen doppelten Nutzen: Es hilft den Teilnehmenden, neue Kontakte zu knüpfen und die deutsche Sprache im Alltag anzuwenden, während gleichzeitig die Stadt von ihren Erfahrungen, Ideen und Talenten in sozialen Projekten, kulturellen Initiativen und im Umweltschutz profitiert. Damit ist Ehrenamt nicht nur eine individuelle Aktivität, sondern ein direkter Beitrag zur Förderung des Zusammenlebens in der Stadt.
Sich für andere einsetzen macht Spaß und glücklich
Doch dieser Enthusiasmus ist nicht frei von strukturellen Herausforderungen, insbesondere wenn das Ehrenamt von flexibler oder zeitlich begrenzter Beteiligung in ein langfristiges Engagement übergeht. Just sagt, dass Norderstedt „eine sehr hohe Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren“ erlebt, da viele Menschen sich für andere einsetzen oder etwas für ihre Stadt tun möchten. Die Lebensumstände hätten sich jedoch verändert; Beruf, Familie und alltägliche Verpflichtungen führen dazu, dass viele eher flexible oder zeitlich begrenzte Engagementformen suchen.
Just sieht die größte Herausforderung darin, Menschen zu finden, die bereit sind, langfristige Aufgaben und organisatorische Verantwortung zu übernehmen, insbesondere in der Vorstandsarbeit von Vereinen. Diese Positionen, so erklärt sie, seien für viele Vereine unverzichtbar, da sie Projekte koordinieren und den Fortbestand der Arbeit sicherstellen. Ein lebendiges Ehrenamt braucht daher nicht nur Ehrenamtliche für einzelne oder zeitlich begrenzte Aufgaben, sondern auch Menschen, die langfristig an der Gestaltung der organisatorischen Strukturen selbst mitwirken.
Die Nachfrage nach diesen Angeboten ist groß: In Familienzentren und Familientreffs besteht Bedarf an Ehrenamtlichen, die sich an Angeboten wie Elterncafés, Hausaufgabenhilfen und Spielgruppen beteiligen. Zudem gibt es ehrenamtliche Patenschaftsprogramme für Kinder und Jugendliche.
Gegen die Einsamkeit
Für ältere Menschen gibt es Angebote, die der Einsamkeit entgegenwirken und den sozialen Austausch fördern sollen, wie Besuchsdienste und Seniorengruppen. Im Bereich interkultureller Projekte und Veranstaltungen wirken Ehrenamtliche an Planung und Durchführung mit oder bringen eigene Ideen ein. Just betont, dass sich die Bereiche des Ehrenamts von Sport bis Umwelt und von Kultur bis zu sozialen Einrichtungen erstrecken, sodass „sich für nahezu jedes Interesse ein passender Weg findet, sich ehrenamtlich einzubringen“.
Im Hinblick auf Integration beschreibt Just das Ehrenamt als eine „zentrale Rolle für Integration und sozialen Zusammenhalt“. Sie verweist auf Initiativen wie das „Willkommen-Team Norderstedt“ und das „Forum für Vielfalt“, die Willkommenscafés organisieren und Netzwerke aufbauen, die Menschen zusammenbringen.
In diesem Sinne erscheint das Ehrenamt nicht als einseitiger Unterstützungsraum, sondern als Raum gegenseitiger Integration und Teilhabe. Für Geflüchtete und Migranten eröffnet das Ehrenamt vielfältige Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme: Wer sich engagiert, lernt neue Menschen kennen, wird Teil der lokalen Gemeinschaft und nutzt die deutsche Sprache in echten Alltagssituationen. Der wichtigste Wert, so erläutert Just, sei jedoch, dass das Ehrenamt „Begegnungen auf Augenhöhe“ ermöglicht: Menschen sind nicht nur Empfänger von Unterstützung, sondern bringen sich selbst ein und übernehmen Verantwortung, was das Zugehörigkeitsgefühl stärkt und das gegenseitige Verständnis fördert.
Wer nach dieser Veranstaltung den ersten Schritt unternehmen möchte, hat es laut Just „ganz einfach“: Kontakt mit der Stabsstelle Ehrenamt aufnehmen und sich beraten lassen. In einem persönlichen Gespräch werden gemeinsam die Interessen, Fähigkeiten und zeitlichen Möglichkeiten der Person betrachtet. Manche Menschen bevorzugen eine regelmäßige Tätigkeit, andere suchen ein flexibleres Ehrenamt — beide Optionen sind möglich, mit dem Ziel, eine passende und zufriedenstellende ehrenamtliche Tätigkeit zu finden.
Just fasst diesen Ansatz mit einem Beispiel aus ihrer eigenen Erfahrung zusammen: eine Mutter mit Deutschkenntnissen auf B1-Niveau, die vormittags Zeit hat, während ihr Kind in der Kita ist, und die ihr Deutsch verbessern wollte. Just sagt: „Wir haben gemeinsam ein Ehrenamt bei der Lebenshilfe gefunden, wo sie heute Freizeitangebote für Menschen mit Behinderungen begleitet.“
Die Zugänglichkeit des Ehrenamts bedeutet jedoch, wie Just betont, nicht nur, Ehrenamtliche zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen bereitzustellen, sondern auch, Menschen mit Behinderungen selbst die Möglichkeit zu geben, aktiv und ehrenamtlich tätig zu werden. Deshalb arbeitet sie mit der Inklusionsagentur Norderstedt zusammen, um die Interessen und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen zu ermitteln und passende Möglichkeiten für sie zu finden.
Dieser Punkt gewinnt besondere Bedeutung, da er die Diskussion von der Idee der „Zugänglichkeit von Dienstleistungen“ zur Idee der „Zugänglichkeit von Teilhabe“ verschiebt — also der Anerkennung von Menschen mit Behinderungen als Träger einer gesellschaftlichen Rolle und nicht nur als Begünstigte.
Hier geht es zur Webseite der Stabstelle Ehrenamt in Norderstedt. Hier geht es zur Freiwilligenbörse in Hamburg und auch hier finden Interessierte in Hamburg Tipps für die Suche nach einem passenden Ehrenamt. Hier geht es zur Freiwilligenbörse der Aktion Mensch mit Angeboten in ganz Deutschland.