Sobald er Ukrainisch hört, strahlt er über das ganze Gesicht und formt mit den Fingern ein Herz vor der Brust. “Ich war schon siebenmal in der Ukraine”, sagt Thomas Mutors und verspricht, später mehr zu erzählen – sobald seine Schicht vorbei ist.
Der 56-Jährige arbeitet als Hauswart und Schlossführer in der Neuen Residenz in Bamberg. An diesem Tag springt er jedoch für einen Kollegen an der Kasse ein.

“Ich tue das im Gedenken an meine Großmutter aus Odessa”
Als die Touristen gegangen sind, holt er sein Handy hervor. In seiner Galerie sind Dutzende Fotos und Videos aus der Ukraine: Fahrzeuge, bis obenhin beladen mit humanitärer Hilfe, Krankenhäuser und Schulen, zerstörte Häuser entlang der Straßen – und neue ukrainische Freunde.

“Ich tue das im Gedenken an meine Oma aus Odessa”, erzählt Thomas. Sie war ethnische Deutsche. Ihre Vorfahren siedelten sich bereits im 18. Jahrhundert in der Gegend um Odessa an, als das Russische Reich deutsche Kolonisten dazu ermutigte, die Gebiete im Süden der heutigen Ukraine zu erschließen.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs musste seine Großmutter, wie viele ethnische Deutsche, fliehen, um der Deportation zu entgehen. Unterwegs lernte sie Thomas’ Großvater kennen, einen ethnischen Deutschen aus Riga. Ihrem Enkel erzählte sie später immer wieder, wie sie von der “russischen Armee – Kavallerie oder so etwas” verfolgt worden seien. Und wie sie sich eines Abends auf einem großen Bauernhof versteckten – im Heu. Thomas weiß nicht genau, wo das geschah. Er vermutet, dass es irgendwo im Westen der Sowjetunion war, vielleicht auch schon jenseits ihrer Grenzen.
Auf der Suche nach den Flüchtenden stachen die Soldaten mit Bajonetten in den Heuhaufen – buchstäblich direkt vor ihren Gesichtern. Doch die beiden überlebten. In der Nacht, als die Soldaten schliefen, stahlen sie ihnen zwei Pferde und gelangten so in ein kleines Dorf bei Würzburg, aus dem Thomas stammt. “Ich denke oft: Wenn sie damals auf der Flucht nicht überlebt hätten, gäbe es mich heute nicht”, sagt er.
Seinen Großvater kannte Thomas nur von Fotos, denn das Paar trennte sich bald. Seine Großmutter dagegen war für ihn einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben. Mit 18 zog er sogar zu ihr, um ihr im Haushalt zu helfen. “Ich habe mich bis zum Schluss um sie gekümmert. Ich habe ihre Hand gehalten, als sie starb”, erzählt er.
Sie sprach viel mit ihm über ihre Heimat, die Gegend um Odessa, und zeigte ihm Fotos. “Frauen sitzen auf Heuwagen, überall sind riesige Felder. Alles sieht aus wie in alten Schwarz-Weiß-Filmen. Sie wirkten glücklich, obwohl sie körperlich sehr hart gearbeitet haben”, erinnert sich Thomas.
“Das Packen der Kisten können andere übernehmen”
Thomas war bis dahin nie in der Ukraine gewesen. Doch kurz nach Beginn der großangelegten russischen Invasion meldete er sich bei einer Hilfsinitiative für Ukrainerinnen und Ukrainer in Bamberg. Dort wurden bereits Hilfsgüter gesammelt. Thomas sagte: “Das Packen der Kisten können andere übernehmen. Ich will und kann selbst in die Ukraine fahren.”
Schon im März 2022 brach der erste Konvoi von Augsburg nach Uschhorod auf, um Hilfsgüter zu übergeben und auf dem Rückweg ukrainische Geflüchtete mitzunehmen.

“Dort stand ein großer, kräftiger Mann mit zwei kleinen Kindern. Ich fragte: Wer fährt mit uns? Man antwortete mir: die Kinder. Der Vater bleibt. Ihre Mutter war bei einem Angriff getötet worden, und er kehrt zurück, um sein Land zu verteidigen. Da kamen mir die Tränen. Und es hat mich noch mehr darin bestärkt, weiterzumachen”, sagt Thomas.

Während dieser ersten Reise erfuhr er, dass Regensburg, eine andere bayerische Stadt, eine Partnerstadt von Odessa ist. Also schloss er sich der Hilfsorganisation Space Eye mit Sitz in Regensburg an. Seitdem fährt er mit ihren humanitären Konvois nach Odessa, Mykolajiw und in andere ukrainische Städte.
In die Ukraine bringen sie Medikamente, Kinderspielzeug, Süßigkeiten, Kleidung, Rollstühle, Gehhilfen, Generatoren und Hygieneartikel. “Alles, was Zivilisten im Krieg brauchen”, sagt Thomas knapp.
Eine der Missionen war die Lieferung eines zwölf Tonnen schweren Feuerwehrfahrzeugs nach Odessa. Thomas zeigt ein Foto, auf dem ihm eine ukrainische Flagge überreicht wird. “Das war sehr bewegend”, sagt er.

Thomas würde nicht sagen, dass er sich bei seiner ersten Ankunft in Odessa sofort wie zu Hause fühlte. Aber durch die Erzählungen seiner Großmutter kam ihm vieles vertraut vor – fast genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. “Und ich habe eine starke Verbindung zu den Menschen dort gespürt. Wunderbare Menschen, die uns mit großer Herzlichkeit aufgenommen haben.”
“Meine Freunde und ich sind ein bisschen verrückt”
Thomas unternimmt diese Reisen in seinem Urlaub. “Meine Freunde und ich sind ein bisschen verrückt, weil wir das alles freiwillig in unserer Freizeit machen”, sagt er und lacht.

Er bringt nicht nur Hilfsgüter in die Ukraine, sondern hilft auch beim Sammeln. In Bamberg geht er zum Beispiel zu Ärztinnen und Ärzten und bittet sie um Medikamente für ukrainische Krankenhäuser. “Ich gehe einfach in die Praxis und sage: Du hast doch bestimmt Musterpräparate von Pharmafirmen, die in irgendeiner Schublade liegen. Füll mir meine Tasche.”
Thomas sagt, Menschen helfen gern, wenn man offen und ehrlich mit ihnen spricht. “Man muss die Menschen einfach freundlich behandeln und klar erklären, was man tut und warum. Bei mir funktioniert das jedenfalls.” Oft reiche schon eine Nachricht bei WhatsApp. Jemand aus seinem Bekanntenkreis schreibt zum Beispiel: “Ich habe zehn Paar Winterstiefel.” Dann setzt sich Thomas ins Auto und holt sie ab.
Erst vor wenigen Wochen ist Thomas von seiner letzten Reise zurückgekehrt – aus Nikopol und Odessa. In Nikopol hatte er eine besondere Mission: Er wollte seinem Freund Reiner helfen.
“Du musst einfach dorthin fahren”
Reiner Dietl ist Bäcker, engagiert sich ebenfalls bei Space Eye und fährt regelmäßig in die Ukraine. Er hat vier mobile Bäckereien in Städten nahe der Front eingerichtet und bereits einen Pflegesohn aus der Ukraine aufgenommen – er hatte ihn zusammen mit anderen Geflüchteten während einer der ersten Fahrten mit nach Deutschland gebracht.

Nun wollte Reiner ein weiteres Kind aus dem frontnahen Nikopol als Pflegesohn aufnehmen. “Der Junge lebte praktisch auf der Straße”, sagt Thomas. Also fuhren sie eigens dorthin, um ihn abzuholen. “Reiner rief mich an und sagte: Ich brauche einen guten, starken Mann. Jemanden, der das aushält.” Thomas lächelt und fügt hinzu: “Es war schön, dass er dabei an mich gedacht hat.”

Nikopol liegt nur durch den Dnipro von den Stellungen der russischen Truppen getrennt. Die Stadt steht deshalb ständig unter Beschuss. Nach Thomas’ Angaben wurde Nikopol nur einen Tag vor ihrer Ankunft schwer angegriffen. Der nächste Beschuss begann fast unmittelbar nach ihrer Abreise. “In gewisser Weise hatten wir also Glück”, sagt er.
Sie fuhren nachts, mit hoher Geschwindigkeit und nicht ohne Zwischenfälle: Auf den zerstörten Straßen hatten sie zweimal eine Reifenpanne. Thomas zeigt ein Video auf seinem Handy: graue, fast menschenleere Straßen, mit Drohnenschutznetzen überspannt, das ausgetrocknete Kachowka-Stauseebecken. Wo früher Wasser war, wächst heute Gras. Auf der anderen Seite des Dnipro stehen russische Truppen.
“Alles ist zerstört. Nicht nur die Häuser und Straßen, auch die Menschen. Sie schauen dort ständig auf den Boden”, sagt Thomas. “Und du musst einfach dorthin fahren. Selbst wenn es nur darum geht, die Menschen zu umarmen und ihnen zu sagen: Wir sind da, und wir werden nicht aufhören, euch zu helfen.”
Das Schlimmste sei seiner Meinung nach, wenn Müdigkeit und Gleichgültigkeit entstünden. “Wenn die Leute sagen: Na gut, jetzt reicht es.”
Seine nächste, achte Reise plant Thomas zu Weihnachten – wieder als Teil eines humanitären Konvois. Seine 29-jährige Tochter mache sich jedes Mal große Sorgen, wenn er in die Ukraine aufbricht, erzählt er. Gleichzeitig sei sie stolz auf ihren Vater. Dann fügt Thomas hinzu: “Ich tue das auch für meine zukünftigen Enkelkinder, damit sie in einem friedlichen Europa leben.”