Der Duft traditioneller afghanischer Küche erfüllt den Raum. Die Teilnehmenden treffen nacheinander ein, begrüßen sich und nehmen an Tischen Platz, die mit buntem frischem und getrocknetem Obst sowie kleinen Gläsern mit Naturhonig dekoriert sind.
Es ist Kennenlern-Tag bei HaM:STER, einem Projekt der Organisation bee4change. Hier treffen sich Geflüchtete und Menschen aus der Hamburger Mehrheitsgesellschaft, sie werden im Laufe der nächsten Wochen Tandems bilden und von einander lernen.


Sabrina Dehati, begrüßt die Gäste und erzählt ein bisschen über HaM:STER. Dann gibt es Abendessen – mit traditionellen afghanischen Gerichten wie Qabuli Pulao, Narenj Pulao, Mantu und Ashak. Die Gespräche werden in kleinen Gruppen fortgesetzt.

Foto: bee4change e.V.
HaM:STER ist der Name eines Projekts der Hamburger Organisation bee4change. Der Name steht für „Hamburg Miteinander: Skillsharing, Teilhabe, Engagement, Ressourcen“ – ein Konzept, das Partizipation, den Austausch von Fähigkeiten und die Nutzung gemeinsamer Potenziale in den Mittelpunkt stellt.
Das Projekt zielt darauf ab, sich von dem klassischen Modell „Geber und Empfänger“ zu lösen und stattdessen eine gleichberechtigte Beziehung aufzubauen, in der jeder Einzelne sowohl lernt als auch eigene Erfahrungen einbringt.
Projektleiterin Sabrina Dehati erklärt, dass die Idee auf jahrelanger Erfahrung im Mentoring-Bereich beruht. Sie verweist auf das klassische „beeMentor“-Programm von bee4change, bei dem sich zwischen der ehrenamtlichen Kraft und dem Asylsuchenden oft ein Ungleichgewicht entwickelt – eine Dynamik, die ihrer Ansicht nach eher in ungleichen Machtstrukturen als in den beteiligten Personen selbst begründet liegt.

Bei HaM:STER werden die Teilnehmenden zu Tandems zusammengeführt. Die Paarbildung erfolgt auf der Basis gemeinsamer Interessen, Motivationen und Fähigkeiten; über einen Zeitraum von sechs Monaten sollen die Tandempartner voneinander lernen.
Die Auswahl der Tandems erfolgt beim ersten Treffen: Jeder notiert die Namen von drei Personen, mit denen er oder sie gerne zusammenarbeiten würde. Auf diese Weise entstehen Verbindungen nicht „von oben herab“, sondern basierend auf gegenseitiger Wahl und gemeinsamem Interesse.
Das Projekt festigt diese Verbindungen anschließend durch Gruppentreffen, regelmäßige Zusammenkünfte und gemeinsame Aktivitäten. Zu den bisherigen Angeboten gehörten unter anderem Schauspielworkshops, Tischtennis, Theater, Rhetorikkurse, Selbstverteidigung und sogar Podcast-Produktionen.

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist das gegenseitige Lernen; Sabrina Dehati betrachtet dies als das „Herzstück“ von HaM:STER. Sie betont, dass die Geflüchteten in diesem Projekt nicht bloß Empfänger von Leistungen sind, sondern aktiv an der Gestaltung und Umsetzung mitwirken – ein Ansatz, der das Projekt von vielen ähnlichen Initiativen unterscheidet.
Oftmals, so Dehati, würden die Fähigkeiten der Geflüchteten übersehen. Das Projekt ziele darauf ab, dies zu ändern: „Manchmal hat jemand Talent beim Kochen, Nähen oder Musizieren, bekommt aber im Alltag keine Gelegenheit, dies zu zeigen. Hier hingegen entsteht ein Raum, in dem diese Fähigkeiten wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Im Gegenzug erkennen auch Menschen aus der Aufnahmegesellschaft, dass sie ebenso viel empfangen, wie sie geben.“
An einem dieser Abende sagte eine Teilnehmerin nach der Wahl ihres Partners: „Ich hatte mir drei Namen notiert, aber eigentlich würde ich am liebsten mit jedem Einzelnen in dieser Gruppe ein Tandem bilden.“

Für die Organisatoren sind solche Momente ein Zeichen für den Erfolg des Projekts – Augenblicke, in denen die Grenze zwischen „Helfer“ und „Empfänger“ verschwimmt und sich die Menschen als Gleichgestellte begegnen.
Eine der größten Herausforderungen bleibt jedoch die Gewinnung von Teilnehmenden: sowohl auf Seiten der Geflüchteten, die oft durch alltägliche Belastungen wie Behördengänge und Wohnungssuche stark beansprucht sind, als auch bei den Freiwilligen, die für die Teilnahme Zeit aufbringen müssen. Die Erfahrung zeigt jedoch: Sind erst einmal die richtigen Menschen gefunden, gewinnt das Projekt schnell an Dynamik, und es entstehen echte Verbindungen.

Über die individuelle Erfahrung hinaus hat das Projekt auch eine weiterreichende gesellschaftliche und politische Bedeutung. Sabrina Dehati beobachtet, dass das Bild von Migration in Medien und Politik zunehmend negativer gezeichnet wird und die Stimmen von Migrantinnen und Migranten weniger Gehör finden.
Sie betont, dass Projekte wie HaM:STER versuchen, ein anderes Narrativ zu etablieren: „Jede Geschichte, die wahrgenommen wird, kann ein Gegengewicht zu negativen Erzählungen bilden und den Menschen, die sich darin wiederfinden, ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln.“
In diesem Sinne sind die Teilnehmenden nicht nur Empfänger, sondern auch fester Bestandteil der Projektstruktur. Als migrantisch geprägte Organisation versucht bee4change, diesen partizipativen Ansatz auch in der eigenen Struktur widerzuspiegeln. Sabrina hofft, dass solche Projekte eines Tages nicht mehr nötig sein werden und dass sich Verbindungen zwischen Menschen ganz natürlich innerhalb der Gesellschaft entwickeln. Ihrer Ansicht nach entsteht Gesellschaft nicht von selbst, sondern muss bewusst und unter Beteiligung aller Mitglieder gestaltet werden.
Sie betont, dass es nicht nur darum geht, das Projekt fortzuführen, sondern es zu einem Modell zu machen – einem Modell, das auch nach dem offiziellen Ende in den zwischenmenschlichen Beziehungen fortbesteht.

Schließlich verweist sie auf die persönliche Dimension dieser Erfahrung. Sabrina, selbst Tochter von Einwanderern, empfindet die Leitung dieses Projekts sowohl als Ehre als auch als Rückkehr zu eigenen Erfahrungen.
Am wichtigsten sei für sie der ständige Lernprozess: dass jede Sitzung, jede Gruppe und jedes Treffen ihr neue Erkenntnisse vermittelt.
Einige Stunden nach Beginn des gemeinsamen Essens leert sich der Saal allmählich. Manche Teilnehmende gehen mit den Namen neuer Tandempartner, andere mit neuen Telefonnummern und wieder andere mit den Anfängen neuer Freundschaften nach Hause.