Zunächst klingt es attraktiv: Das Jobcenter stellt einen Gutschein für ein kostenloses individuelles Coaching aus. Der AVGS-Gutschein, den Arbeitssuchende in Deutschland erhalten, wirkt wie eine Eintrittskarte zum Arbeitsmarkt. Versprochen wird, dass der Coach Migranten hilft – tatsächlich nicht nur ihnen, sondern auch deutschen Staatsbürgern –, einen Lebenslauf zu erstellen, sich auf Vorstellungsgespräche vorzubereiten und schließlich eine Arbeit oder eine Ausbildung zu finden.
In der Praxis endet das jedoch oft mit Enttäuschung. Amal News schrieb kürzlich über eines der zahlreichen Coaching-Zentren, die in Deutschland arbeiten. Gemessen an der Zahl der Kommentare haben Ukrainer viel über ihre Erfahrungen mit Coaches zu erzählen. Doch ziemlich oft sind diese negativ.
„Diese ,Coachings‘ sind völliger Unsinn, Geldmacherei und ein Geschäft mit dem Leid anderer. Ich war bei so einem ,Coaching‘ und habe nicht verstanden, wofür ich meine Zeit verschwende?! Null Hilfe, einfach nur unnötiges Gerede“, schrieb unsere Leserin Natalja.
Und so schildert Oleksandr seine Erfahrung: „Ich war in Berlin in einem deutschen Coaching-Zentrum. Eine Woche lang ging es einfach um nichts. Das Jobcenter hat bezahlt….. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass dies Flüchtlingen irgendeinen realen Nutzen bringt. Die gleiche Hilfe kann ich auch von ehrenamtlichen Helfern bekommen. Und mit der deutschen Bürokratie zurechtzukommen, das kommt mir jetzt, nach einem Jahr, noch schwerer vor als in der Ukraine.“
Was stimmt mit dem deutschen Coaching nicht? Oder haben die Ukrainer:innen etwas nicht verstanden? Vielleicht nutzen sie den kostenlosen Gutschein, der angeblich Hilfe bei der Arbeitsaufnahme verspricht, nicht richtig?
Diese und viele weitere Fragen stellte die Redaktion von Amal News in einem Gespräch mit dem deutschen Coach Marco Bruske. Er arbeitete unter anderem auch mit ukrainischen Flüchtlingen.

Herr Bruske, wie und warum sind Sie eigentlich zum Coaching gekommen?
Ich bin 56 Jahre alt und komme ursprünglich aus dem Handel. Ich habe in einer Führungsposition in der Textilbranche gearbeitet. Aber viele Menschen um die 50 fragen sich, ob sie nicht etwas anderes machen wollen – vielleicht etwas Sinnvolleres. Ich habe zwei Coaching-Ausbildungen absolviert und bin zertifizierter systemischer Coach.
Seit fast vier Jahren arbeite ich freiberuflich in einer Organisation, die Kunden des Jobcenters bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt.
Bei dieser Arbeit hilft mir meine Erfahrung als Manager mit Personalverantwortung: Ich habe viele Lebensläufe gesehen, Vorstellungsgespräche geführt und Entscheidungen getroffen. Deshalb kann ich die Situation sowohl aus der Sicht eines Coaches als auch aus der Sicht eines Arbeitgebers betrachten und die Klienten beraten, die zu mir kommen.
Was ist das Ziel von Job-Coaching für Migranten?
Das Ziel setzt das Jobcenter. In den meisten Fällen geht es um Unterstützung bei der Vorbereitung von Unterlagen, bei der Arbeitssuche oder bei einem Berufswechsel.
Das Jobcenter bestimmt Berufsfelder mit hoher Nachfrage – zum Beispiel Pflege, Bildung oder Büroarbeit. In diesen Bereichen sind die Chancen auf eine Beschäftigung höher.
Es kann auch um die Suche nach einer Ausbildung oder Weiterbildung gehen, aber nur dann, wenn das aussichtsreich ist. Es hat keinen Sinn, jemanden in eine Ausbildung zu schicken, wenn es in diesem Bereich kaum offene Stellen gibt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Hilfe bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Das ist besonders relevant für Menschen aus der Ukraine, die zum Beispiel in der Pflege arbeiten. In solchen Fällen muss oft ein Verfahren zur Anerkennung der Qualifikation durchlaufen werden.
Sind die meisten Ihrer Klienten Migranten?
Ja, die meisten. Aber es gibt auch Deutsche. Das sind in der Regel Menschen mit Lücken im Berufsleben, Menschen ohne Motivation und Menschen über 50. Leider haben es gerade ältere Menschen besonders schwer.
Meinen Sie, dass es Altersdiskriminierung gibt?
Ich denke, indirekt ja. Darüber spricht man nicht offen, aber das Alter spielt eine Rolle.
Ich muss zugeben, dass ich früher, als ich für Personal verantwortlich war, manchmal auch dachte, Ältere seien weniger flexibel, und jüngere Kandidaten bevorzugte. Solche Verallgemeinerungen kommen im Recruiting oft vor.
Das Thema Coaching wird unter ukrainischen Flüchtlingen aktiv diskutiert, und oft hört man Skepsis. Wie lässt sich die negative Erfahrung mit einem Coach erklären? Oder haben die Menschen vielleicht einfach falsche Vorstellungen oder überhöhte Erwartungen?
Das ist gut möglich. Man sollte verstehen, dass die Ergebnisse des Coachings messbar sein müssen. Zum Beispiel ist die Erstellung eines Lebenslaufs ein messbares Ergebnis, das den Anforderungen des Jobcenters entspricht.
Wichtig ist, mit Absagen umgehen zu können. Selbst wenn Sie 20 Bewerbungen verschickt und noch kein Ergebnis erhalten haben, müssen Sie weitermachen. Sonst ändert sich nichts.
Manchmal kommen Klienten mit unrealistischen Erwartungen. Kürzlich hatte ich zum Beispiel eine Frau, die im Online-Marketing oder mit künstlicher Intelligenz arbeiten wollte. Aber mit ihrer Ausbildung war das unrealistisch, und es gibt in diesem Bereich nicht viele Stellen. Dann muss man nach Alternativen suchen.
Manchmal ist Coaching überhaupt nicht die richtige Lösung. Manche brauchen zuerst zusätzliche Sprachkurse oder psychologische Unterstützung.
Wie lange dauert ein Coaching?
In der Regel acht Wochen. Das ist eigentlich eine kurze Zeit. Die Treffen finden zweimal pro Woche statt. Während Coach und Klient sich kennenlernen, Unterlagen vorbereiten und anfangen, Bewerbungen zu verschicken, ist die Zeit oft schon vorbei. Viele schaffen es in diesem Zeitraum nicht, eine Arbeit zu finden.
Halten Sie selbst das Coaching-System für ideal oder muss es verbessert werden?
Es wäre gut, mehr Flexibilität zu haben. Vielleicht braucht es längere Programme mit weniger Treffen pro Woche. Viele Menschen haben zu Hause keine technische Ausstattung – weder Computer noch Internet. Das ist ein großes Problem, und deshalb geht viel Zeit für die Erstellung von Unterlagen drauf.
Als Coach muss ich die Interessen von vier Seiten berücksichtigen: meine eigenen, die des Klienten, die meines Unternehmens und die des Jobcenters. Das schränkt ein. Ich hätte gern mehr Freiheit.
Wird die Sprachbarriere und ein unzureichendes Deutschniveau manchmal zum Problem in der Kommunikation mit dem Klienten?
Wir versuchen, Coaches zu haben, die verschiedene Sprachen sprechen. In unserer Organisation gibt es Fachleute, die Arabisch, Ukrainisch und Persisch beherrschen, aber überwiegend arbeiten wir auf Deutsch.
Viele Klienten sehen darin eine Möglichkeit, ihr Deutsch zu verbessern. Manchmal ist das nicht möglich, und dann braucht man einen Dolmetscher. Aber dann halbiert sich die Zeit, weil alles wiederholt werden muss. Außerdem gehen Details und Nuancen verloren.
Und ja, die Sprache ist von entscheidender Bedeutung. Formal reicht oft das Niveau B2, aber viele Arbeitgeber erwarten mehr. Am schwersten ist es, Menschen mit schwachen Sprachkenntnissen und wenig Motivation zu vermitteln.
Warum gibt es in Deutschland Fachkräftemangel und gleichzeitig eine hohe Arbeitslosigkeit?
Der Begriff selbst gibt schon die Antwort: Es geht um qualifizierte Fachkräfte. Ohne Ausbildung oder ohne eine Ausbildung, die hier anerkannt wird, bleibt den Menschen oft nur ungelernte Arbeit.
Deshalb empfehle ich oft, in Bildung zu investieren. Langfristig bringt das mehr Einkommen. Am Anfang ist das schwierig, weil man mehrere Jahre lernt und wenig verdient, aber später zahlt es sich aus, weil sich bessere Möglichkeiten ergeben.
Was ist der Wert von Coaching?
Oft ist Coaching viel mehr als nur Arbeitssuche. Es geht darum, dass sich jemand Zeit nimmt, zuhört und Raum für die persönliche Geschichte und Ideen gibt. Viele Menschen haben das Gefühl, dass niemand an sie glaubt. Coaching kann das ändern.
Was ist wichtig, damit Coaching erfolgreich ist?
Planen Sie Zeit für das Coaching ein und arbeiten Sie auch außerhalb der Treffen. Kommen Sie mit realistischen Erwartungen und stimmen Sie die Ziele mit dem Coach ab.
Viele denken, der Coach werde alles allein machen, aber so funktioniert es nicht.