Zukunftstag für Schülerinnen und Schüler im Hamburger Rathaus; Gespräch mit Mahriyeh Ashofteh über die Heranführung Jugendlicher an die Politik
Im Rahmen des Programms „Zukunftstag 2026“, zu dem auch der „Girls’ Day“ und der „Boys’ Day“ gehören, empfing das Hamburger Rathaus am Donnerstag, 23. April, eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern. Die Veranstaltung richtete sich an Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10, die sich zuvor dafür angemeldet hatten. Ziel des Projekts war es, Jugendlichen praktische Einblicke in die Arbeitsabläufe staatlicher und politischer Institutionen zu geben.

Interview mit Mahriyeh Ashofteh (SPD)
Das Programm fand mit Beteiligung der SPD-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft statt. Jede Abgeordnete und jeder Abgeordnete dieser Partei konnte eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern einladen.
Amal Hamburg hat in einem Gespräch mit der afghanischstämmigen SPD-Abgeordneten Mahriyeh Ashofteh über das Ziel des Programms, seinen Aufbau und die Bedeutung einer frühen politischen Bildung für Jugendliche gesprochen.
Wie ist dieses Programm im Hamburger Rathaus organisiert und wie läuft es insgesamt ab?
Der „Girls’ Day“ im Hamburger Rathaus ist so angelegt, dass die Teilnehmenden Politik nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch kennenlernen. Das Programm wird unter anderem von der SPD-Fraktion in Hamburg organisiert.
Wir haben am Morgen mit einem gemeinsamen Treffen im Rathausgebäude und einer Begrüßung im Hauptsaal begonnen. Danach gab es ein Erkundungsprogramm im Rathaus. Dabei lernten die Schülerinnen und Schüler selbstständig wichtige Bereiche und Arbeitsabläufe kennen. Anschließend fanden Treffen mit politischen Verantwortlichen statt, darunter mit dem Ersten Bürgermeister von Hamburg, Peter Tschentscher, und der Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, Carola Veit.
Für mich ist wichtig, dass sich das Programm nicht auf diese Teile beschränkt. Deshalb habe ich bewusst Zeit für ein direktes Gespräch mit den Teilnehmenden eingeplant, damit sie ihre Fragen stellen und über ihre Interessen und Zukunftspläne sprechen können. Dieser Tag beschränkt sich nicht auf das Zuschauen. Er beruht auf aktiver Beteiligung und dem Stellen von Fragen. Das entspricht dem Wesen politischer Arbeit in ihrer besten Form.
Was war Ihre persönliche Motivation, sich an diesem Programm zu beteiligen und gezielt Schülerinnen und Schüler einzuladen?
Meine Motivation ist sehr persönlich. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es für viele schwer ist, sich vorzustellen, dass politische Räume auch „uns gehören“ können. Gerade junge Mädchen zweifeln oft daran, ob sie dort wirklich hingehören.
Ich hatte in jungen Jahren keine solche Gelegenheit, politische Arbeit direkt kennenzulernen. Genau deshalb möchte ich diese Situation heute verändern. Der „Girls’ Day“ ist eine Gelegenheit, früh Zugang zu schaffen, Distanzen abzubauen und zu zeigen, dass Politik nichts Abstraktes ist, sondern durch die Beteiligung von Menschen entsteht.
Welches Bild parlamentarischer Arbeit vermitteln Sie den Schülerinnen und Schülern in diesem Programm?
Ich möchte den Teilnehmenden ein realistisches Bild davon vermitteln, wie parlamentarische Arbeit funktioniert. Der wichtigste Punkt ist, dass Politik ein Prozess ist. Entscheidungen werden nicht plötzlich getroffen. Sie sind das Ergebnis von Debatten, Prüfungen und manchmal auch von der Suche nach Kompromissen.
Ich erkläre konkret, wie Alltagsthemen über Forderungen von Bürgerinnen und Bürgern oder gesellschaftliche Debatten in die Politik gelangen und wie daraus Vorschläge werden, die in der Fraktion beraten und schließlich in Ausschüssen und im Parlament entschieden werden. Für mich ist wichtig, deutlich zu machen, dass Politik eine gemeinsame Arbeit ist und jede Perspektive Einfluss haben kann.
Welche Fähigkeiten sind aus Ihrer Sicht für den Einstieg in die Bereiche Recht und Politik wichtig?
Als Juristin und Abgeordnete habe ich gelernt, dass Fachwissen wichtig ist, aber nicht ausreicht. Entscheidend ist die Fähigkeit, komplexe Themen zu verstehen und sie klar zu erklären. Außerdem sind ein klares Werteverständnis, Ausdauer und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, notwendig. Wer in die Bereiche Recht oder Politik gehen will, muss unterschiedliche Sichtweisen annehmen können und zugleich eine eigene Position entwickeln. Erfahrungen im Ehrenamt, in zivilgesellschaftlichen Initiativen oder erste praktische Einblicke helfen auf diesem Weg sehr.
Wie verlaufen die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern an diesem Tag? Gibt es Raum für Fragen, Diskussionen und Gespräche über ihre Zukunftspläne?
Für mich ist das Gespräch der wichtigste Teil dieses Tages. Deshalb habe ich bewusst Zeit für offene Gespräche eingeplant, sowohl in der Gruppe als auch, wenn möglich, in kleineren Runden.
Die Schülerinnen und Schüler können jede Frage stellen: wie der Arbeitsalltag einer Abgeordneten aussieht, wie man in die Politik kommt, welche Herausforderungen es gibt, bis hin zu persönlichen Fragen zu Bildungs- und Berufswegen. Für mich ist wichtig, dass diese Gespräche ehrlich sind und die Teilnehmenden das Gefühl haben, ernsthaft gehört zu werden.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Teilnehmenden dieses Programms?
Meine wichtigste Botschaft ist: Wartet nicht auf Einladungen anderer, sondern werdet selbst aktiv. Politik und Gesellschaft brauchen eure Perspektiven, eure Erfahrungen und eure Stimmen. Es gibt keinen einzigen Weg und keinen „perfekten“ Zeitpunkt für den Anfang.
Wichtig ist, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und den Mut zur Beteiligung zu haben.
Chancengleichheit entsteht nicht von selbst. Sie wird Schritt für Schritt aufgebaut. Dafür braucht es junge Mädchen, die selbstbewusst ihren Platz einnehmen.
Gespräch und Text: Nilab Langar
Fotos: Iman Hilal, arabische Redaktion von Amal Hamburg
Quelle: amalhamburg.de