Viele iranische Fußballfans lehnen die Islamische Republik ab. Trotzdem jubeln sie, wenn die Nationalmannschaft gut spielt. Die Bilder aus den WM-Stadien erzählen von einem Konflikt, der weit über den Fußball hinausgeht. Ein Kommentar von Maryam Mardani
Die Bilder aus den Stadien der Fußball-WM haben viele Menschen irritiert. Auf den Tribünen waren iranische Fans zu sehen, die ihre eigene Nationalmannschaft auspfiffen. Einige schwenkten die alte iranische Flagge mit Löwe und Sonne. Andere hielten Plakate hoch, mit denen sie der Opfer gedachten, die das Regime der Islamischen Republik getötet hat. Und dann fiel ein Tor für den Iran. Manche dieser Menschen, die wenige Minuten zuvor noch gebuht hatten, sprangen auf und jubelten.
Für viele Beobachter:innen außerhalb des Iran wirkte das widersprüchlich: Wie kann man eine Fußballmannschaft ausbuhen und sich gleichzeitig über ihren Erfolg freuen? Für viele Iraner:innen ist dieser Widerspruch jedoch Teil ihres Alltags. Seit Jahren, spätestens seit den Protesten der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung, wird darüber gestritten, ob die Nationalmannschaft überhaupt noch unterstützt werden sollte.
Fußball ist nie nur Fußball
Wer für die Nationalmannschaft spielt, bewegt sich in einem System, in dem Loyalität erwartet wird. Prominente Sportler:innen, die sich offen gegen das Regime stellen, riskieren ihre Karriere. Einige verschwinden aus dem Kader, andere aus dem öffentlichen Leben. Gleichzeitig erklären Funktionäre und Fußballspieler bei internationalen Turnieren regelmäßig, dass Sport und Politik zu trennen seien. Das klingt vernünftig und doch ist es eine Behauptung, die an der iranischen Realität vorbeigeht.
Das Regime hat sportliche Erfolge immer für sich beansprucht. Wenn die Mannschaft gewinnt, feiern staatliche Medien nicht nur die elf Spieler auf dem Platz. Sie feiern die Islamische Republik. Deshalb betrachten viele Oppositionelle die Nationalmannschaft und den Fußball längst nicht mehr als unpolitisch.
Gleichzeitig löst ein Tor des Iran bei vielen Menschen etwas aus, das stärker ist als jede politische Debatte. Denn die Mannschaft steht nicht nur für das Regime. Fußball gehört auch zu den Erinnerungen vieler Iraner:innen – zu den wenigen Momenten, in denen Menschen mit völlig unterschiedlichen Ansichten gemeinsam jubelten.
90 Minuten auf derselben Seite
Ehemalige politische Gefangene erzählen, dass sie im Gefängnis wichtige Fußballspiele gemeinsam mit ihren Wärtern verfolgt haben. Für 90 Minuten verfolgten sie gemeinsam Spiele, obwohl sie auf den entgegengesetzten Seiten eines brutalen Systems standen. Sie jubelten über dieselben Toren. Nach dem Schlusspfiff kehrte die Wirklichkeit zurück. Die Gefangenen blieben Gefangene. Die Wärter blieben Wärter.
Vielleicht erklärt diese Geschichte besser als jede politische Analyse, was derzeit auf den Tribünen und auch in den sozialen Medien zu beobachten ist. Die Menschen pfeifen die Spieler nicht aus, weil sie Fußball hassen. Sie buhen, weil sie das Regime ablehnen, das ihr Land kontrolliert. Sie denken an die Toten der Protestbewegungen, an politische Gefangene und an all jene, die das Land verlassen mussten.
Und trotzdem jubeln sie, wenn der Ball im Netz landet. Nicht weil sie ihre Kritik vergessen hätten, sondern weil für einen kurzen Moment etwas anderes stärker wird: die Erinnerung an ein Land, das größer ist als seine Herrscher.
Ein Dilemma ohne Lösung
Nach dem Schlusspfiff kehrt die politische Realität zurück. Die Wut und die Kritik verschwinden nicht. Die Frage, ob man diese Nationalmannschaft unterstützen soll, bleibt unbeantwortet. Die Bilder aus den Fußballstadien zeigen deshalb keine Versöhnung. Sie zeigen ein Dilemma.
Sie zeigen Menschen, die das Regime ablehnen und trotzdem ihrer Heimat verbunden bleiben. Menschen, die pfeifen und jubeln zugleich. Und die wissen, dass beides wahr sein kann.
In den letzten Stunden sorgte nun die Aktion der iranischen Nationalmannschaft nach dem Spiel in Los Angeles für Aufsehen. Die iranischen Spieler durften ja – wegen des Krieges – sich nur für wenige Stunden in den USA aufhalten und mussten anschließend sofort wieder nach Mexiko ausreisen. Die Mannschaft hinterließ eine handschriftliche Nachricht in der Umkleide, beschrieb darin ihre schwierige Lage und dankte für die Unterstützung durch die iranischen Fans. Der Brief ging auf den Sozialen Medien viral und sorgte für viel Sympathie. Allerdings nicht bei der iranischen Opposition. Viele sehen die Aktion als Teil der Propaganda, des iranischen Regimes. Es sollen Gefühle des Mitgefühls und der Solidarität mit dem Iran als Opfer des Krieges geweckt werden. Wie gesagt: Fußball ist mehr als nur Fußball und das gilt besonders für die iranische Mannschaft in den Zeiten des Krieges.
Mitarbeit Christina Heuschen