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Wer nach Damaskus zurückkehrt, vergisst Berlin

Damaskus war für den Journalisten Mohammed Rabie lange unerreichbar. Nach dem Sturz des von Assad ist er dorthin zurückgekehrt – und möchte bleiben. Foto: Kilian Bälz
Damaskus war für den Journalisten Mohammed Rabie lange unerreichbar. Nach dem Sturz des von Assad ist er dorthin zurückgekehrt – und möchte bleiben. Foto: Kilian Bälz

Nach seinem ersten Besuch in Damaskus konnte Mohammed Rabie nicht lange von der Stadt fernbleiben. Nur drei Monate verbrachte er in Berlin, bevor er erneut aufbrach und zurückkehrte, um durch die Straßen von Damaskus zu gehen, ihre Gassen zu durchqueren, als setze er seine Erinnerung Schritt für Schritt neu zusammen. Dort braucht er weder Google Maps noch das Warten an kalten U-Bahn-Stationen. Das Gehen in Damaskus, oder „Tamshaya“, wie die Damaszener es nennen, ist reines Vergnügen; ein Gefühl absoluter Freiheit. Jeder Schritt nimmt seinem Herzen etwas von der Last der Fremde und befreit ihn von einer täglichen, zermürbenden Debatte in den deutschen Medien: „Migranten, Flüchtlinge, Ausländer …“. Schwere Worte, die in einer Stadt verblassen, die ihn nicht jeden Tag auf die Anklagebank setzt, damit er seine Unschuld beweist.

Rückkehr für immer

Diesmal ist seine Rückkehr endgültig. Es gibt kein Zurück mehr. Er hat Deutschland hinter sich gelassen mit seinen Steuern, den Zugverspätungen, den widerwärtigen Nachrichten, der endlosen Winterkälte und politischen Äußerungen, in denen er nur Naivität und Rassismus sah. „Für mich kam die Befreiung Syriens wie eine persönliche Rettung aus einer sozialen und politischen Depression, die ich dort erlebt habe.“

Flucht vor der Repression

Als Mohammed Rabie, der aus der Provinz Deir ez-Zor stammt, im Juli 2015 in Deutschland ankam, hatte er keine klare Vorstellung davon, was ihn erwartete. Er wusste nicht, ob sein Aufenthalt lange dauern oder nur eine Zwischenstation sein würde. Und auch nicht, ob er eines Tages in ein freies Syrien zurückkehren würde. Das Einzige, was er wusste: Er hatte einen Weg verlassen, der nicht mehr sicher war, und einen anderen betreten, der keine Konturen hatte. Davor „lebte ich in Damaskus, studierte Philosophie und führte das Leben eines Studenten in einer Stadt, deren Gesicht sich mit dem Ausbruch der Revolution im Jahr 2011 veränderte“. Als Repression und Verhaftungen zunahmen und die Gefahr seiner Festnahme näher rückte, entschied er sich, sein Studium abzubrechen und nach Deir ez-Zor zurückzukehren. Dort arbeitete er im Medienbereich, dokumentierte die Ereignisse und berichtete über das, was er sah und erlebte. Zwischen Arbeitsdruck und Sicherheitsrisiko drängte sich die Idee der Ausreise immer stärker als Reaktion auf eine Realität auf, die von Tag zu Tag enger wurde.

Berlin liegt hinter ihm

Seit seiner Rückkehr nach Damaskus empfindet Mohammed keine große Sehnsucht mehr nach Berlin. „Vielleicht vermisse ich einige Freunde, aber die Stadt selbst weckt keine Sehnsucht mehr.“ Zehn Jahre seien seiner Ansicht nach genug gewesen, um eine Beziehung zu einem Ort aufzubauen. Doch der schärfer werdende Ton gegen Syrer und Migranten und die Zunahme rassistischer Rhetorik hätten bei ihm psychische Erschöpfung und den festen Wunsch ausgelöst, ohne Zögern zu gehen. „Ich hatte immer das Gefühl, meine Existenz rechtfertigen zu müssen. In Damaskus aber bin ich einer von ihr.“ Für ihn beschränkte sich das nicht nur auf Debatten auf der Straße oder in den Medien. Selbst Äußerungen von Politikern, etwa die Worte des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz über das „Stadtbild“, erschienen ihm als Zeichen eines tiefer liegenden Problems: „Wenn solche Aussagen von einem Kanzler kommen, weiß man, dass das Problem nicht individuell ist.“

Er ging ohne Zögern

Seine berufliche Erfahrung im deutschen Journalismus vertiefte dieses Gefühl und machte es noch schärfer. Er arbeitete mehrere Jahre als Nachrichtenredakteur bei der Zeitung „Bild“ und spezialisierte sich auf Themen rund um Ausländer, Migranten und den Nahen Osten. Dabei hatte er die Gelegenheit, Politiker und Verantwortliche hinter den Kameras im Hintergrund der Medienarbeit zu treffen. Er verließ die Zeitung im Jahr 2023, nachdem sich die redaktionelle Linie verändert hatte und nicht mehr mit seinen beruflichen Grundsätzen übereinstimmte. Anfangs war er zur Zeitung gegangen, weil er sie für eine Plattform hielt, um die Stimme der Syrer hörbar zu machen. Doch diese Vorstellung erodierte mit der Zeit, besonders während der Corona-Pandemie: „Ich bemerkte, wie sich der Ton schrittweise nach rechts außen bewegte, und da wurde mir klar, dass ich nicht bleiben konnte.“

Ein Journalist für die Wahrheit

Nach dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 wartete Mohammed nicht lange. Nur eine Woche später kehrte er zum ersten Mal seit zehn Jahren nach Syrien zurück. Er sah Damaskus vor Freude über die Flucht seines Tyrannen nach Jahrzehnten der Repression tanzen. Doch nach wenigen Tagen sah er auch zerstörte Städte, erschöpfte Menschen und eine zusammengebrochene Wirtschaft. Er fasste den Entschluss, dauerhaft zurückzukehren, um Teil der Phase des Wiederaufbaus zu sein, in dem Glauben, dass „die Verantwortung bei allen liegt, jeder auf seine Weise“. Heute widmet Mohammed seine Arbeit in Damaskus der Aufdeckung von Desinformation über Syrien und der Vermittlung von Fakten in deutscher Sprache an die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger in Deutschland. Er arbeitet als freier Journalist mit deutschen Medien wie RTL und Deutschlandfunk zusammen und schreibt Artikel, die darauf abzielen, die fest verankerten Stereotype über sein Land aufzubrechen und das Vertrauen in das, was darüber veröffentlicht wird, wiederherzustellen.

Für ihn hat die Freiheit in den täglichen Details begonnen, eine greifbare Form anzunehmen. „Heute können die Menschen ihre Meinung frei äußern. Sie können zum Beispiel Beschwerde gegen einen Sicherheitsbeamten oder einen korrupten Angestellten einlegen.“ Als Journalist sieht er die syrische Presse vor einer großen Herausforderung: „die Institutionen wieder aufzubauen und das Vertrauen in das Wort zurückzugewinnen“.

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