Beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al Sharaa sagte der deutsche Bundeskanzler, dass 80 Prozent der Syrer:innen, die jetzt in Deutschland leben, in den nächsten drei Jahren nach Syrien zurückkehren sollen. Ein Kommentar dazu von Haytham Abo Taleb.
Die Ironie in Friedrich Merz‘ Äußerungen liegt nicht in ihrer Härte, sondern in ihrer Einfachheit! Zu sagen, dass Hunderttausende Menschen innerhalb von drei Jahren zurückgeführt werden können, wirkt auf dem Papier wie ein klarer Plan. In Wirklichkeit ist es jedoch viel komplexer. Zwischen dem Satz und der Realität steht eine deutsche Bürokratie, die bekanntermaßen Monate und manchmal Jahre braucht, um einen einzigen Fall abzuwickeln! Betrachtet man nur die Zahlen, stellt man fest, dass Deutschland 2025 etwa 22.000 Menschen aller Nationalitäten abgeschoben hat – trotz steigender Abschiebezahlen. Würde man hypothetisch diese Zahl jährlich nur bei Syrern ansetzen, würde das Jahrzehnte dauern, nicht nur drei Jahre. Wir brauchen uns also keine Sorgen zu machen. Es kann gar nicht umgesetzt werden.
Die Geschichte gibt Antworten!
Das Schlimme an diesen Äußerungen ist jedoch die Unsicherheit, die sie verbreiten. Sagen sie doch, dass Menschen, die hier zehn Jahre gelebt haben, sich immer noch nur vorübergehend hier einrichten können. Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht, wie viele von ihnen zurückkehren werden, sondern wer überhaupt darüber entscheidet, was ein Flüchtling macht und wann er zurückkehrt. Entscheiden dies Politiker und verkünden es in ihren Reden oder liegt die Entscheidung bei den Betroffenen, die gucken müssen, ob für sie eine Rückkehr überhaupt möglich ist? Die jüngere Geschichte gibt eine klare Antwort. Nach dem Bosnienkrieg in den 1990er Jahren kehrten Hunderttausende Flüchtlinge zurück. Aber ihre Rückkehr dauerte viele Jahre und brauchte Unterstützungsprogramme, Wiederaufbau und Sicherheitsgarantien. Sie war weder vollständig noch schnell.
In fast allen ehemaligen Kriegsschauplätzen – vom Balkan über den Irak bis Afghanistan – ist es in keinem Fall gelungen, die Mehrheit der Flüchtlinge durch eine schnelle politische Entscheidung zurückzuführen. Denn die Rückkehr hängt nicht nur von Grenzen ab, sondern von den Möglichkeiten im Herkunftsland. Gibt es ein Zuhause, eine Schule für die Kinder? Ist das Land sicher geworden? Diese Fragen entscheiden – nicht populistische Erklärungen.
Rückkehr geschieht, wenn sie möglich ist
Die andere Ironie ist, dass Deutschland die Illusion der Rückkehr gut kennt. In den 1960er Jahren kamen zum Beispiel Hunderttausende Arbeiter aus der Türkei, Italien und Griechenland als Gastarbeiter. Sie sollten nach wenigen Jahren zurückkehren. Aber eine große Mehrheit kehrte nicht zurück. Sie ließen sich nieder und wurden Teil der deutschen Gesellschaft, weil das Leben sich nicht auf dem Status „vorübergehend“ aufbaut, sondern auf dem Lauf der Zeit. Wer zehn Jahre in einem Land lebt, arbeitet, die Sprache lernt und seine Kinder in dessen Schulen großzieht, ist nicht mehr dieselbe Person, die zum ersten Mal ankam. Die Zeit verändert alles, und die Politik hinkt oft beim Verstehen hinterher. Deshalb wirkt es manchmal wie ein Witz, wenn Politiker davon sprechen, Hunderttausende Menschen innerhalb weniger Jahre zurückzuführen.
Die Rückkehr wird geschehen, ja, aber nicht auf diese Weise, nicht in diesem Tempo und nicht, weil ein Politiker beschlossen hat, seine Wähler bei einer Pressekonferenz zu beeindrucken. Rückkehr geschieht, wenn sie möglich wird und wenn der Mensch spürt, dass dort ein Leben auf ihn wartet – nicht nur eine Erinnerung. Am Ende bleibt eine Frage: Wer tappt da im Dunkeln, Herr Merz? Flüchtlinge sind doch keine Koffer, die von einem Laufband aufs nächste verladen und von hier nach dort geschickt werden können. Es sind Lebewesen, die ihren eigenen Weg gehen.