Ukrainische Freiwillige haben einen verletzten Mönchsgeier namens Berlin gerettet. Der Vogel wurde im Tierpark Berlin geboren und aufgezogen. Nun fanden ihn die Freiwilligen ihn an der Grenze zwischen Kyjiw und Tscherkassy in der Ukraine – an einem für ihn völlig untypischen Ort.
Im Frühjahr 2026 wurde der junge Geier im Rahmen eines Wiederansiedlungsprogrammes in Bulgarien ausgewildert. Doch statt in seinem vorgesehenen Verbreitungsgebiet zu bleiben, flog er bis ins Zentrum der Ukraine. Derzeit wird er im Rehabilitationszentrum „Sadyba Njuschanik. Hilfe für Vögel“ behandelt und aufgepäppelt.
Die lange Reise von Berlin

Mönchsgeier sind in der Ukraine äußerst selten: Sie kommen dort nur im Krimgebirge vor und leben nicht auf dem dem ukrainischen Festland. Nur selten verirren sich Geier aus Europa in den Süden oder ins Zentrum des Landes. Auch Deutschland gehört nicht zu dem natürlichen Verbreitungsgebiet der Art. Dort werden Mönchsgeier vor allem in Zoos gehalten und gezüchtet.
So auch im Tierpark Berlin, wo der Geier Berlin vor einem Jahr schlüpfte. Nachdem er Teil eines internationalen Auswilderungsprogramms geworden war, gaben ihm bulgarische Ornithologen den Namen seiner Geburtsstadt. Im Mai wurde der Vogel mit einem Ring und einem GPS-Sender ausgestattet und in die Freiheit entlassen. Seine Route führte ihn von Bulgarien über Rumänien und Moldau bis in die Ukraine, wo er unweit von Bila Zerkwa landete. Als das Signal des Senders jedoch plötzlich über längere Zeit an derselben Stelle blieb, schlugen bulgarische Ornithologen Alarm und nahmen Kontakt zu ihren ukrainischen Kolleg:innen auf, darunter der bekannte Ornithologen Maksym Jakowlew aus Odessa. Dieser informierte die ukrainische Birddwatching-Community. Schließlich machte sich der Vogelbeobachter Igor Samokhin aus Kyjiw am 28. Juli auf die Suche nach dem Mönchsgeier.
„Einen solchen Vogel zu retten, ist ein Privileg“
„Den Geier zu finden, war nicht schwer, denn dank des GPS-Senders hatten wir seine genauen Koordinaten. Meine Frau Alina Rozhkova und ich fuhren bis in die Nähe von Schaschkiw, an der Grenze zwischen den Regionen Kyjiw und Tscherkassy. Dort stießen wir auf ein Tal mit dichtem, etwa zwei Meter hohem Schilf. Wir bahnten uns einen Weg hindurch und wurden völlig durchnässt, weil es am Vortag geregnet hatte. Nach etwa zehn Minuten erreichten wir den Vogel. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Mönchsgeier in freier Wildbahn gesehen“, sagte Samokhin gegenüber Amal News.

Eigentlich arbeitet Samokhin in Kyjiw als Programmierer. Seit einigen Jahren widmet er sich jedoch der Vogelbeobachtung. Als er sich auf die Suche nach Berlin machte, befürchtete er, den Geier nur noch tot aufzufinden. „Meine erste Reaktion war Erleichterung, dass er noch lebte. Er machte einen vergleichsweise guten Eindruck und schien nicht im Sterben zu liegen. Es ist ein Privileg, einem so außergewöhnlichen Vogel helfen und ihn retten zu können. Für Birdwatcher gehören solche großen und beeindruckenden Greifvögel zu den faszinierendsten Arten überhaupt. Deshalb war ich sehr glücklich, ihm helfen zu können.“
Erschöpft und verletzt
Als sich die Helfer:innen dem Vogel näherten, blieb dieser zunächst ruhig. Doch sobald sie versuchten, ihn zu greifen, verteidigte er sich mit seinem kräftigen Schnabel. „Ich zog Handschuhe an. Obwohl der Geier völlig erschöpft war, versuchte er, mich anzugreifen. Neben seinem großen Schnabel hat er auch sehr kräftige Krallen. Aufstehen konnte er allerdings nicht mehr. Ich legte vorsichtig ein Handtuch über ihn un griff ihn von hinten und trug ihn aus dem Schilf“, erinnert sich Samokhin.

Das Ehepaar brachte den Geier anschließend in eine Tierklinik. Dort stellten die Tierärzt:innen eine Verletzung am Bein fest. „Vielleicht hat ein Hund versucht, ihn zu beißen, oder er ist an einem Metallgegenstand hängen geblieben. Es handelt sich zwar nicht um einen Bruch und auch nicht um eine lebensbedrohliche Verletzung, doch die Wunde hatte sich bereits entzündet und begann zu eitern. Deshalb muss sie behandelt werden“, sagt Samokhin.
Rehabilitation in „Sadyba Njuschanik“
Nach der Erstversorgung in der Tierklinik brachten Iryna und Walerij Snopko den Geier in ihr Rehabilitationszentrum. Sie sind die Gründer:innen der Nichtregierungsorganisation „Sadyba Njuschanik“ sowie des gleichnamigen Rehabilitationszentrums für Wildvögel im Dorf Woropajiw in der Region Kyjiw. Seit fast zwei Jahrzehnten kommen sich die beiden um verletzte und geschwächte Wildvögel – unabhängig davon, ob sie aus dem Nest gefallen, verletzt, vergiftet oder durch menschliches Handeln in Not geraten sind. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs werden dort zudem immer häufiger Vögel versorgt, die durch Explosionen und Kampfhandlungen verletzt wurden. Aus der gesamten Ukraine werden gefiederten Patienten nach Woropajiw gebracht. Sobald sie wieder vollständig gesund sind, werden sie ausgewildert. Tiere, die in Freiheit nicht überlebensfähig wären, bleiben dauerhaft in der Obhut des Zentrums.

Iryna und Walerij Snopko haben Erfahrung in der Pflege und Rehabilitation von Greifvögeln. Deshalb übernahmen sie auch die Versorgung des Geiers Berlin. „Inzwischen lebt er in einer größeren Voliere. Iryna und Walerij stehen in ständigem Kontakt mit den bulgarischen Ornithologen, die sie bei der Pflege beraten – auch bei der Frage, womit er gefüttert werden soll. Er hat bereits mehrere ganze Kaninchen gefressen“, sagt Samokhin.
Neben der Behandlung seiner Beinverletzung erhält Berlin auch Antibiotika. „Es ist harte Arbeit, ihn zu versorgen. Schon die Medikamente zu geben, ist schwierig, weil er sich mit seinem Schnabel wehrt. Man muss ihn festhalten, und dafür braucht es zwei Menschen. Der Vogel ist groß und ausgesprochen stark“, sagt der Birdwatcher.
Wie es mit dem Geier weitergeht
Nach Einschätzung von Samokhin ist es noch zu früh, über die Zukunft des Geiers Berlin zu entscheiden. Zuerst müsse er vollständig genesen. Erst danach kenne man über seine Auswilderung entscheiden. „Am besten wäre es natürlich, ihn nach Bulgarien zu bringen. Allerdings ist ein Transport ins Ausland äußerst kompliziert, da der Mönchsgeier auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht.

Meiner persönlichen Meinung nach sollt man ihn im Süden der Ukraine freilassen – vielleicht in der Region Odessa, möglichst nahe an der rumänischen Grenze. Von dort aus könnte er möglicherweise selbst seinen Weg zurück in den Süden finden“, sagt Samokhin. Wo Berlin schließlich ausgewildert wird, wollen die ukrainischen Tierschützer:innen gemeinsam mit den bulgarischen Ornithologe:innen entscheiden.