Dies ist die ungewöhnliche Geschichte eines Jungen aus der Ukraine, dessen Talent in Frankfurt erkannt wurde. Er gehört zum Ensemble der Frankfurter Oper. Wir haben ihn getroffen und von ihm und seiner Mutter erfahren, wie sein Weg war.
Wie Tausende andere ukrainische Kinder kam Daniel Romaniv 2022 nach Deutschland. Zusammen mit seiner Mutter und seinem drei Monate alten Bruder kamen sie „ins Nichts“ – ohne Verwandte oder enge Freunde nach Frankfurt.
Von Anfang an
„Am 23. Februar 2022 hatte meine Mutter Geburtstag“, erinnert sich Daniels Mutter, Olena Romaniv, Künstlerin der Oper Lwiw und Lehrerin der Chorkapelle „Dudaryk“. „Wir haben schön gefeiert und sind dann nach Hause gefahren. Plötzlich begann mein neugeborener jüngerer Sohn um vier Uhr morgens ungewöhnlich stark zu weinen. Später sagten mir auch andere Mütter, dass damals viele Babys sehr unruhig waren. Ich erinnere mich, wie ich auf mein Handy schaute und in den Nachrichten sah, dass der Krieg begonnen hatte. Im Schockzustand fuhren wir zuerst nach Polen und von dort weiter nach Deutschland. Damals wusste niemand, wie es weitergehen würde.“
Ankunft in Deutschland
In Frankfurt ging Daniel sofort auf eine deutsche Schule, in eine Integrationsklasse. Er sagt, dass er keine Angst hatte, weil er fließend Englisch spricht. Deutschland gefiel dem Jungen sofort, auch wenn ihn anfangs überraschte, dass hier sonntags fast alle Geschäfte geschlossen sind.
Schon in Lwiw war Daniel Mitglied des Chors „Dudaryk“. Er wurde dort nach einem Vorsingen in der Schule aufgenommen, ohne dass man wusste, dass seine Mutter professionelle Sängerin ist. Olena selbst gibt zu, dass sie die Begabung ihres Sohnes sofort erkannte, sich aber entschied, ihm den Musikunterricht nicht aufzudrängen, sondern nur dann, wenn er es selbst wollte. Auch Daniel hatte nie darüber nachgedacht. Als er jedoch zu „Dudaryk“ eingeladen wurde, wollte er es versuchen, weil ihm das Singen leichtfiel und Spaß machte. Der Chor übertraf jedoch alle Erwartungen des Jungen. Er fand dort Freunde.
Die Ausbildung bei „Dudaryk“ ist intensiv: zweimal pro Woche Chor, Solfeggio, Musikliteratur, Konzerte sowie die Teilnahme an der Kinderliturgie. Außerdem war Daniel Mitglied des Kinderchors am Nationalen Akademischen Opern- und Balletttheater Lwiw Solomija-Kruschelnyzka. Er war also bereits ein erfahrener Musiker, als er nach Deutschland kam.
Gute Grundlage für seine Karriere als Sänger

Einmal wurde Daniel bei einem Auftritt mit Gitarre bei einem Benefizkonzert in Oberursel von der Bürgermeisterin der Stadt angesprochen. Sie riet dazu, den Jungen auf ein örtliches Gymnasium zu schicken, und schrieb sogar ein Empfehlungsschreiben. Daniel wechselte jedoch in die Gymnasialklasse derselben Schule, die er bereits besuchte, und wurde parallel am Dr. Hoch’s Konservatorium aufgenommen, an dem Menschen ohne Altersbegrenzung lernen.
Daniels Mutter Olena setzte ihre Fähigkeiten von den ersten Tagen in Frankfurt an für ehrenamtliche Arbeit ein. Bei einer Demonstration lernte sie eine Frau aus der Ukraine kennen, die in einem Sozialzentrum arbeitete und ihr vorschlug, die Leitung eines Frauenchors ukrainischer Frauen zu übernehmen. Gemeinsam sangen sie bei verschiedenen Kundgebungen und Veranstaltungen zur Ukraine. Später inszenierten sie sogar die Oper „Der Saporoger jenseits der Donau“ von S. H. Artemowskyj, die erneut mit großem Erfolg im Palmengarten-Saal bei einem großen Benefizkonzert vor 800 Gästen aufgeführt wurde, um Geld für die Ukraine zu sammeln.
Heute unterrichtet Olena Gesang und Klavier für Kinder und Erwachsene. Es stellte sich heraus, dass eine ihrer Schülerinnen im Chor der Oper Frankfurt singt. Sie machte Mutter und Sohn darauf aufmerksam, dass dort ein Vorsingen stattfand, an dem Daniel teilnehmen könne.
Jede Möglichkeit nutzen
Das Vorsingen fand auf Deutsch statt. Daniel fühlte sich inzwischen aber schon recht sicher, wenn er die Sprache sprach. Vor der Jury sang er das Lied „Pije Jesu“ von E. L. Weber und beeindruckte alle mit seiner Professionalität. Er wurde sofort in den Chor aufgenommen. Außerdem bot man ihm an, in die zweite Besetzung für eine Rolle im Stück „Macbeth“ aufgenommen zu werden, dessen Proben bereits intensiv liefen. Der Regisseur hatte einige Zweifel, ob Daniel seine Partie in so kurzer Zeit lernen könne. Dank seiner Erfahrung schaffte Daniel es. Daniel spielte seine Rolle so gut, dass der Regisseur beschloss, ihn in die erste Besetzung aufzunehmen (*zusammen mit zwei anderen Jungen: Nach deutschem Gesetz darf ein minderjähriges Kind nicht öfter als zweimal im Monat auftreten, sonst schadet das seinem Lernprozess). So erhielt er seinen ersten Arbeitsvertrag.

Es stellte sich dann jedoch heraus, dass in Daniels Dokumenten ein Arbeitsverbot eingetragen war, obwohl er sich nach §24 im Land aufhält. Um die Frage schnell zu lösen, schaltete man einen Anwalt, das ukrainische Koordinationszentrum ein und schrieb sogar einen Brief an den Frankfurter Bürgermeister. Dieser verwies an den Kulturminister, der wiederum das Recht des Jungen bestätigte, in der Oper aufzutreten. Die Klärung nahm viel Zeit in Anspruch. Eine Woche vor der Aufführung lagen aber endlich alle Dokumente vor.
Eine offene Seele bewirkt Wunder
„Mich hat sehr beeindruckt, dass das Ensemble der Oper bis zuletzt auf Daniel gewartet hat. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und mit ihm mitgefiebert“, erzählt Olena. „Daniel selbst hat mich auch überrascht: Mit allen Erwachsenen in Deutschland, besonders mit dem künstlerischen Ensemble, spricht er sehr offen, ruhig und freundlich. Er hat keine Angst, im Gespräch einen Fehler zu machen. Ich glaube, genau dieses Selbstvertrauen und diese Unmittelbarkeit ziehen andere an. Man begegnet ihm auf Augenhöhe, und das freut Daniel sehr.“

Eine weitere Überraschung war, dass die Oper beschloss, die Einnahmen aus dem Kartenverkauf für dieses Stück ukrainischen Kindern zugutekommen zu lassen. So kamen während der Aufführungen an den Neujahrstagen 56.000 Euro zusammen.
Auf die Frage, ob Daniel Angst habe, vor einem ausländischen Publikum aufzutreten, schüttelt er den Kopf. Er sagt, für einen Künstler gebe es kein ausländisches Publikum. Man müsse allen mit demselben Respekt begegnen.

„Ich habe noch nicht entschieden, was ich in Zukunft werden will“, sagt Daniel. „Ich habe das Singen sehr lieben gelernt, es macht mir Freude. Aber ich mag auch Mathematik, Autos, Computer und interessiere mich für Informatik. Die deutsche Sprache gefällt mir übrigens auch. Ja, sie ist schwierig, aber gleichzeitig sehr logisch. Ich glaube, ich verstehe diese Logik, deshalb habe ich sie so schnell gelernt.“
Die Mutter des Jungen lächelt. Sie sagt, für sie sei nicht wichtig, welchen Beruf er wählen werde. Wichtig sei nur, dass Daniel sich darin sicher und professionell fühle. Und wenn es nicht die Musik werde, sei das auch nicht schlimm. Übrigens, auch Daniels kleiner Bruder, inzwischen ist er drei Jahre, hat ein auffällig gutes musikalisches Gehör.